Orthodoxe Ikonografie – ein Travel Guide der besonderen Art ohne den es im Osten nicht geht

Für mich geht es Ende dieser Woche mal wieder in die Ukraine. Dabei gibt es immer viel zu entdecken, wobei ich schon bei meinem ersten Besuch als relativ hilflos da stand, da besonders im Osten des Landes sowie auch in Russland eine ganz andere Symbolik herrscht als bei uns in Nordostdeutschland. Deutlich wird dies besonders im kirchlichen Bereich, also der othodoxen Ikonografie, die bei uns fast überhaupt nicht anzutreffen ist. Außerdem spielt die Kirche eine größere Rolle, als wir dies etwa gewohnt sind, so dass die kirchliche Symbolik einen wichtigen Teil im Alltagsleben darstellt. Wer nun also „den Osten verstehen“ will, kommt nicht daran vorbei, sich mit Bildern, Sprichwörtern, Sagen und Legenden sowie Vorstellungswelten, die ihren Ursprung im orthodoxen Glauben haben, auseinanderzusetzen. Nur wer sich auch diesem Lebensbereich der Menschen widmet, kann ein größeres Verständnis aufbringen, das über die reine Beobachtung einer anderen Lebensweise hinausgeht. Die othodoxe Ikonografie kann damit zum Schlüssel eines tieferen Verständnisses werden. Dabei sollte jedoch nicht zu viel erwartet werden, denn nicht alles geht auf Religion zurück. Das wäre etwa so also wenn man jede Besonderheit im Handeln eines einzelnen mit dem kulturellen Hitergrund erklären wollte: Also völlig daneben gegriffen. Stattdessen schäft die Beschäftigung mit dem anderen unseren Blick auf uns selber. Am Ende steht immer die Selbstreflexion, die uns zu erkennen geben soll, wer wir eigentlich sind…

Als Einstieg in die othodoxe Symbolik hier eine Empfehlung: A Reader’s Guide to Orthodox Icons

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Freie Liebe? Die Grünen setzen sich für die Legalisierung von Inzest ein

Was ist bloß los in Deutschland? Dieses Wochenende hat sich die Alternative für Deutschland gegründet, die von der Tagesschau als quasi Neonazis hingestellt wird (siehe hier) und nun sorgen die Grünen für Aufruhr. Wenn die etablieren Parteien so etwas schaffen, muss schon gehörig was vorgehen, um nicht zu sagen: ein Skandal muss es sein. Und fast so könnte man es auch bezeichnen, denn die Grünen haben sich an das Thema Inzest gemacht, eines der letzten Tabuthemen in unserer ach so modernen Gesellschaft.

Hintergrund: Am Freitag, dem 12. April 2013, hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrecht den in Deutschland bestehenden Inzestparagrafen für nicht rechtswidrig erklärt. Es ist also legal, Geschwister, die sexuell mit einander verkehren, strafrechtlich zu verfolgen, auch, wenn ihnen gar nicht bewusst ist, dass sie Verkehr mit einem Bruder oder einer Schwester haben. Die Grüne Jugend Augsburg zum Beispiel hat dies als „als äußerst negative Entwicklung“ kommentiert und setzt sich daher, in Einklang mit der Bundespartei, für eine Abschaffung des Paragrafen ein.

Die Reaktionen sind heftig. Als Beispiel wieder die Grüne Jugend in Augsburg (nachzuverfolgen auf dem Blog: gjaugsburg.wordpress.com), die sich auf ihrem Blog als „grüne Spinner“ und ähnliches bezeichnen lassen muss. Dabei geht die Argumentation der meisten Beiträge klar an der Realität vorbei. Ein Kommentator trifft dabei den Nagel auf den Kopf: „[…] wir reden von kleinen Minderheiten – Einzelpersonen, die ein Leben neben der Norm führen, und im Moment vom Gesetz diskriminiert werden. Es ist nicht so, als würde halb Deutschland plötzlich Inzest betreiben, wenn das Verbot aufgehoben wird! Also bleibt für mich nur noch ein valides Argument zu dem Thema: Leben und leben lassen.“ Genau so ist es. Es geht um das individuelle Recht jedes und jeder einzelnen, glücklich werden zu dürfen. Das Verbot der Liebe unter Geschwistern schränkt genau dieses grundlegende Recht ein. Es widerspricht damit eigentlich allen Vorstellungen einer freiheitlichen Gesellschaft, die das Individuum über das Gemeinwohl und damit das persönlichen Streben nach Glück über Gesellschafts- und Staatsinteressen rückt. Waren das nicht genau die Lehren, die die Deutschen aus zwei Weltkriegen gezogen hatten?

Jetzt kommt das wieder, mag der/ die Leser/in denken, aber wahr ist es dennoch. Aus paranoider Angst einer Degeneration des Deutschen Genbestandes wurde damals versucht, alle „minderwertigen Elemente“ auszumerzen. Das betraf gesellschaftliche Minderheiten genauso wie Behinderte. Ich muss sagen, dass mich das Verbot der Geschwisterliebe stark an diese Gedankengänge erinnert. Wir, als Mehrheit der Gesellschaft, bilden uns ein, bestimmen zu können, welche Regeln eine Minderheit im Privatleben einhalten muss, um die Gesellschaft an sich nicht zu schädigen. Inzest entspricht nicht der Norm der meisten Menschen in unserem Land und wird daher einer Minderheit als Abnormalität und Gefahr für die gesamte Gesellschaft zugeschrieben.

Der Vergleich mit irgendwelchen Bergdörfern, die über Generationen total „degenerierte“ Nachkommen hervorbringen ist übrigens obsolet, denn Deutschland ist kein Bergdorf! (im Übrigen sollte mir doch bitte einmal bewiesen werden, dass es diese Bergdörfer wirklich gibt, denn ich halte das Allgemeinwissen über diese größtenteils für Horrorgeschichten einer inzestfeindlichen Gesellschaft) Der Knackpunkt liegt selbst dort dann in der Tatsache, dass in diesen Dörfern nur ein beschränkter Genpool zur Verfügung steht und erst durch die Rekombinationen über mehrere Genrationen zu dem vermehrten Auftreten von Genkrankheiten führt. Die Chance, dass sich die Kinder von zwei sexuell mit einander verkehrenden Geschwistern auch in einander verlieben, ist in unserer Gesellschaft aber einfach so gering, dass sie gegen Null tendiert!

Was sind aber die Wurzeln dieses plötzlichen Einsatzes für sich liebende Geschwister? Ist freie Liebe das Paradigma? Vielleicht sind es wirklich die leisen Nachklänge des 68er Erbes bei den Grünen, die diese Position zu diesem Thema hervorrufen. Sicher bin ich mir da allerdings nicht (wieder dient mir die Grüne Jugend Augsburg als Argument, denn von den Mitgliedern dort, hat wohl kaum jemand die 68er miterlebt). Das Problem liegt darin, dass der Term „Freie Liebe“ vorbelastet ist. Versuchen wir, ihn einmal anders zu betrachten. Was, wenn er lediglich die Einstellung beschreiben würde, dass wer auch immer wen auch immer lieben darf (ganz ohne sexuelle Hintergedanken). Dabei würde es dann nicht um die Befriedigung sexueller Wünsche und Gelüste sondern um die Verwirklichung des eigenen Lebensdesigns gehen. Wenn einem Menschen verboten wird, innerhalb einer sich als zusammengehörig definierten Gemeinschaft zu lieben, wie können wir dann im weiteren Schritt auf Ideale wie christliche Nächstenliebe bauen oder um Mitgefühl für Völker auf anderen Kontinenten werben, denen es bei weitem schlechter geht als uns, weil sie von Hungersnöten, Bürgerkriegen oder diktatorischen Regimen geplagt werden.

In diesem Kontext ist freie Liebe mehr als nur eine verkappte Hippie-Idee. Sie rührt an den Grundfesten unserer Gesellschaft. An dem Thema Inzest zeigt sich nun nach über 60 Jahren, wie tolerant die Deutschen wirklich sind. Dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Position des Staates dabei noch stützt, ist nicht weniger bezeichnend für den Weg, auf dem sich auch Europa bewegt. Es stimmt mich traurig, sehen zu müssen, wie die Mehrheitsgesellschaft immer noch einer Minderheit verbieten kann, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Das fatalste daran ist, dass es gesetzlich festgeschrieben ist und durch ein internationales Gericht für Menschenrechte bestätigt wurde. Ich hoffe, dass die Diskussion bald an Emotionalität verlieren, an Sachlichkeit gewinnen und letztlich das Gesetz geändert wird. Alles andere würde mir die Schamesröte vor meinen Kindern ins Gesicht treiben!

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Volunteering verbessert nicht die Welt. Es verbessert uns und wir verbessern die Welt

Jetzt habe ich im Titel eigentlich schon alles vorweg genommen, was ich sagen wollte. Wer hätte gedacht, dass sich die gesamt Ideologie hinter der Freiwilligenarbeit auf einen einzigen Satz reduzieren lässt. Irgendwie bin ich selber überrascht. Aber dennoch, denke  ich, muss der Gedanke, der sich hinter dieser Aussage verbirgt noch etwas ausgeführt werden, damit auch ihr ihn verstehen können.

Zuvor einmal kurz, warum ich erst jetzt über Volunteering allgemein schreibe, also nachdem ich über meine Erfahrung als Seminarleiter für Workcampleiter/innen in internationalen Workcamps berichtet habe. Den Anlass fand ich in einem Bericht von Michelle Dobrovolny, eine freiberuflich arbeitende Journalistin aus Mombassa, mit dem Titel „Confessions of a Voluntourist“. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich in dem einen oder anderen Projekt, an dem ich in meiner Freiwilligenkarriere teilgenommen habe, selbst fast als voluntourist bezeichnet, darunter jedoch etwas völlig anderes verstanden hätte. Zunächst was Dobrovolny meint: Ihrer Meinung nach werden Freiwillige vom Markt wie Touristen behandelt. Sie wenden sich an eine Agentur, bezahlen Geld dafür, dass sie irgendwohin gehen dürfen, dort brauchen sie in der Regel nur das tun, was sie auch wollen und nach zwei Wochen fahren sie wieder zurück nach Hause, mit dem guten Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Was verstehe ich unter diesem Term? Für mich sind voluntourists solche „Freiwillige“, die sich für Projekte, Seminare, Workshops etc. bewerben, ohne inhaltliches Interesse für das eigentliche Thema zu zeigen. Ihnen geht es in erster Linie darum, kostengünstig weg zu kommen (viele dieser Treffen bieten Fahrtkostenerstattungen von mindestens 50%, innerhalb Europas jedoch meistens mehr). Vor Ort reisen sie dann vielleicht ein paar Tage früher an (drei sind in der Regel erlaubt, um trotzdem noch die Fahrtkostenerstattung zu bekommen) und bleiben nach dem Projekt noch ein paar länger, um die Gegend kennenzulernen. Wer ein bisschen koordinieren kann, ist in der Lage, sich in einem Sommer von Projekt zu Projekt zu hangeln und dabei quer durch Europa zu reisen, zu super Konditionen!

Die Differenz zwischen unseren Vorstellungen ist enorm. Sie rühren natürlich daher, dass wir beide von unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven ausgehen. Für Dobrovolny sind es die bösen Agenturen, für mich die bösen schwarzen Schafe unter den Freiwilligen, für sie der kapitalistische Markt, für mich der opportunistische Mensch. Wer hat nun recht?

Beim Volunteering spielt die Vermittlerorganisation natürlich eine wichtige Rolle. Ich leiste jetzt seit rund vier Jahren beim SCI Freiwilligenarbeit und habe es bisher nicht bereut. Das liegt auch daran, weil ich mich mit den Werten immer gut identifizieren konnte. Außerdem werden immer explizit werterelativistische Ansätze vermittelt. Nie geht es darum, dass wir Deutsche irgendwohin gehen, wo wir die Welt (nach unserem Wunsch) verbessern. Stattdessen liegt die Betonung immer auf dem interkulturellen Austausch, der letztlich nur mit der richtigen Einstellung des/ der Freiwilligen möglich ist. In diesem Sinne sind auch die relativ langen Vorbereitungsseminare im SCI ein nötiges Standardprogramm, um zum Beispiel Langzeitfreiwillige, die in die Südkontinente gehen, genau auf diesen Punkt aufmerksam zu machen. Sie werden in Bezug auf ihre eigenen kulturellen Wurzeln sensibilisiert. Damit wird der Grundstein für eine Selbstreflexion gelegt, ohne die der Austausch nicht stattfinden kann. Wenn sie dann zurückkommen, haben sie meisten tatsächlich auch etwas gelernt und dieses Gelernte kann ihnen niemand mehr nehmen.

In dieser Hinsicht stellt der letzte Abschnitt in Dobrovolnys Artikel das wichtigste Element des Volunteering heraus. Es geht nicht zwangsläufig darum, wie sinnvoll zum Beispiel die Arbeit vor Ort ist. Wer die Erwartung hat, innerhalb von zwei Wochen oder auch einem Jahr (Langzeitfreiwilligendienste) die Welt zu verändern, muss scheitern. Stattdessen ist die Begegnung von Vertretern zweier unterschiedlicher Kulturen das eigentlich wesentliche, denn dadurch können Vorurteile und Stereotypen abgebaut werden, neue Werte können aus den Menschen selber heraus wachsen und an ihre Umgebungen weitergegeben werden. So wird sich Stück für Stück die Welt zum Besseren wenden, nicht dadurch, dass der eine der anderen zeigt, wie es richtig geht, sondern durch die Entstehung einer aufgeschlossenen, toleranten Welt. Das ist doch letztlich, was in dem einen Satz steckt: Volunteering verbessert nicht die Welt. Es verbessert uns und wir verbessern die Welt.

Mit Volunteering die Welt verbessern? (Quelle: focus.de)

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Alternative für Deutschland – neue Männer braucht das Land? Was wir wirklich brauchen…

Die Zeiten sind hart. Auch wenn wir bisher im Großen und Ganzen von der Finanzkrise verschont geblieben sind (so wird es uns zumindest eingeredet), so fehlen uns doch politische Alternativen. Die Alternative für Deutschland versucht dem Abhilfe zu schaffen, wie der Name schon andeutet. Viel hat diese Initiative, die versucht, die Bundestagswahlen im September aufzumischen, bisher nicht zu bieten. Aber das Weniger, was sie verficht, steht im Kontrast zu der etablierten Politik der regierenden Parteien und derjenigen, die es ab Ende des Jahres sein wollen. Kritisiert wird von der AfD, dass auf wirtschaftlichem Bereich die Etablierten keine wirklichen Alternativen ins Auge fassen. Das gilt insbesondere für den europäischen Bereich. Aus Kritik erwuchs die Idee, diesen verworfenen Alternativen Raum zu geben.

Die Alternative für Deutschland weist daher ein Profil auf, das sich voll und ganz der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands gewidmet hat. Dazu schreckt sie auch vor der harten Realität nicht zurück und setzt sich für einen Austritt Deutschlands aus dem Euro-Raum ein. So zumindest steht es im Programm auf ihrer Website. Die weiteren Punkte drehen sich ebenfalls eher um die Wirtschaft. Die restlichen, die sich eher mit Sozialpolitik u.ä. beschäftigen, wirken da weniger überlegt und etwas von anderen Parteien abgekupfert.

Wenn ich schon einmal bei der Kritik angekommen bin, so müssen dabei noch einige Aspekte ergänzt werden. „Neue Männer braucht das Land“ könnte zum Beispiel das Motto dieser neuen Partei sein. Die Betonung liegt auf Männer, denn Frauen in der Partei sind rar. Unter dem wissenschaftlichen Beirat, der bei der AfD besonders hervorgehoben wird, in der Tat aber die Regel bei jeder Partei ist, befinden sich ausnahmslos Wirtschaftswissenschaftler (nur eine Frau unter fünf Experten). Kann ein solches Profil das einer Partei sein, die wirklich eine Rolle auf der politischen Bühne spielen will? Wohl eher nicht…

Die Alternative für Deutschland kann keine wirkliche Alternative sein, wenn sie ein so eingeschränktes Weltbild hat. Nicht alles dreht sich nur um Wirtschaft. Sozialpolitik, internationale Beziehungen, europäische Vision etc. Alles das scheint für die AfD nichts wert zu sein. Es ist ein schöner Gedanke, zu glauben, dass man so einfach die Welt verändern könnte. Aber die Welt ist komplexer, als es einige Wirtschafts-„experten“ in ihrer Fixiertheit bedienen können. Dennoch: Die Idee, einmal wieder unbefangen Alternativen zu unserem bisherigen Kurs diskutieren zu können, hat auch für mich etwas Bestechendes. Ich würde mir wünschen, dass die AfD die Bundespolitik etwas belebt und inspiriert. Keine neuen Männer braucht das Land also, sondern Ideen!

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Heinrich Heine: Das Buch der Lieder – für eine Balance im Leseverhalten!

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nach dem Todorov endlich mal wieder etwas brauchte, das meinen Geist zwar nicht weniger forderte, aber ihn von einem ästhetischen Standpunkt aus eher befriedigen konnte. Auf welches Werk bin ich da wohl im Antiquariat gestoßen: Heinrich Heines Buch der Lieder. Ich muss zunächst eingestehen, dass ich früher einmal ein großer Heine-Fan war. Insbesondere die Biografie „Der Tag ist in die Nacht verliebt“ hat mich so sehr begeistert, dass ich alles mitnahm, was mir auf meinem Weg von Heine begegnete. Da aber auch eine große Anzahl von Gedichten dazu zählte, trat schließlich ein, was kommen musste: Ich war gesättigt. Zu viel Poesie in demselben Stil (auch wenn Heine sich stilistisch natürlich im Laufe seines Lebens stark weiterentwickelt hatte!). Lange Zeit lag anschließend die Beziehung zwischen Heine und mir auf Eis. Jetzt aber, zusammen mit dem Frühling der sich nun endlich langsam hervortastet, ist auch der Winter zwischen uns gewichen und ich war nicht nur bereit sondern spürte ein Verlangen, mich wieder einmal Heinrich Heine zu widmen.

Das Buch der Lieder bot mir in dieser Hinsicht alles, was ich brauchte. Die schönsten lyrischen Werke des Poeten aus der Zeit zwischen 1817 und 1826 sind darin zusammengetragen. Die 190 Seiten des Bandes haben so mit ihrer Abwechslung und Breite an Themen wie Genres mein Bedürfnis mehr als befriedigt. Ich muss sogar sagen, dass an dem Punkt, an dem ich den Rhythmen und Reimen müde zu werden drohte, die Auswahl so hervorragend gestaltet wurde, dass sie auf den Leser einzugehen schien und mit weniger offensichtlichen Reimen, mehr ungewöhnlicher Metrik und Rhythmik und neuer Sujets aufwartete. So wurde meine Aufmerksamkeit bis zur letzten Seite gewahrt. Nicht nur das, es schien mir eine Steigerung der Handlung Werke übergreifend vorhanden zu sein, die sich bis zum letzten Abschnitt, des Zweiten Zyklus der Nordsee, zunehmend entfaltete, die Spannung dort aber eben nicht aufgelöst wurde. Somit entließ mich das Buch der Lieder dann mit einem Gefühl der inneren Unruhe und des Wunsches nach mehr.

Heinrich Heines Buch der Lieder (Quelle: willhaben.apa.net)

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Tzvetan Todorov: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen (1982)

Tzvetan Todorov: Die Eroberung Amerikas (Quelle: amazon.com)

Das Buch ist ein Goldstück! Anders kann ich die kleine Rezension, die ich hier beginne zu schreiben, nicht anfangen. Es gibt wahrlich viele Bücher über die Eroberung Amerikas, aber die Perspektive die Todorov einschlägt, wirft ein ganz neues Licht auf die Vorgänge von vor 500 Jahren. Schon sein Ausgangspunkt ist ein gänzlich anderer, geht er doch davon aus, dass sich damals in der Begegnung der Europäer (besonders aber nicht nur der Spanier) das Moderne in uns Menschen herausgebildet hat. Die Eroberung Amerikas ist demnach nicht nur eine Zäsur in der amerikanischen Entwicklung sondern ebenfalls in der europäischen. Dieser Aspekt wird oft unterschlagen oder stark relativiert. Hier ist das nicht der Fall.

Tzvetan Todorov ist dabei ein Wissenschaftler, der sich der Interdisziplinarität verschrieben hat. Abgesehen von Soziologie, Philosophie und Geschichte, die oft Zusammenhänge aufweisen können, ist er ebenfalls ausgewiesener Literaturwissenschaftler. Diese Kombination schlägt sich auch in seinem Buch nieder, das zugegebenermaßen schon etwas älter ist, an Aktualität aber gerade aufgrund seines Ansatzes keineswegs verloren hat. „Die Eroberung Amerikas“ ist mehr als nur ein Wiederaufgreifen und Neukombinieren bereits bekannter Erkenntnisse. Er konzentriert sich auf einige weniger Quellen, die er aber dafür umso genauer auf ihr Wechselspiel untersucht. Das Kernstück dieses Werkes nehmen dabei die beiden Gegenspieler Monctezuma und Cortes ein. Das Fallbeispiel der Eroberung Mexikos dient ihm als Versuchsfeld, um den Nachweis zu erbringen, dass die militärische Eroberung der Neuen Welt auch als eine sprachliche und symbolische gedeutet werden kann. Exemplarisch geht er dazu bei einigen Texten in die Tiefe, muss jedoch leider oft verallgemeinern, ohne die nötigen Beweise anführen zu können. Dieses Problem wird besonders evident, wenn es um Bartolomé de Las Casas geht. Allein über ihn und seine Werke wurde schon ganze Bibliotheken gefüllt und scheinbar jede mögliche Position, die zu ihm eingenommen werden kann, damit gerechtfertigt. Die kurzen Abhandlungen in Todorovs Buch müssen daher in Kauf nehmen, sich angreifbar zu machen. Dieser Punkt wird auch deutlich, wenn es um Begriffe wie Ideologie geht. Diese lässt er oft ungeklärt. Dabei lässt er ein eingehen auf die sozialen Umstände und auf die Rolle des spanischen Staates vermissen.

Dennoch gelingt Tzvetan Todorov etwas, was vielen nie vergönnt ist: er weitet den Blick. Wo einigen die polemisierenden Parolen zu weit gehen, geben sie anderen den nötigen Ansatzpunkt, um sich mit der Thematik auseinander zu setzen. Auch wenn das Buch zur Einführung eher nicht geeignet ist, so ist es für alle, die ihren Blick auf die Eroberung Amerikas erweitern wollen eine willkommende Lektüre. Bücher wie diese gibt es mittlerweile leider selten.

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Selber Brot backen: echtes Sauerteigbrot zuhause nach eigenem Wunsch zubereiten

Ich habe heute mal wieder ein Roggenbrot selber gebacken. Es gibt ja hunderte von Rezepten, die alle von sich behaupten, das leckerste Brot zu beschreiben. Dabei habe ich schon einigen ausprobiert und letztlich immer wieder an einem hängen geblieben. Für mich muss es echtes Sauerteigbrot sein, denn nur das erreicht diese Luftigkeit und Lockerheit, dies Brot so lecker macht. Darüber hinaus sind die meisten Brotrezepte eh für Weißbrote, die ich selber eher nicht so oft esse. Daher hier in aller Kürze mein Rezept, wie es auf fast jeder Roggenmehltüte steht und sich meiner Ansicht nach bewährt hat:

  1. 400g Roggenmehl, 100g Weizenmehl, 1 TL Salz, 1 TL Zucker, eine Packung Fertigsauerteig (flüssig oder trocken) und eventuelle weitere Zutaten (Kümmel, Senf etc.) in eine Rührschüssel geben.
  2. Entweder Trockenhefe direkt in die Rührschüssel geben oder Frischhefe zunächst in 300ml warmen Wassers bröseln und auflösen und dann beides zusammen zum Teig zu geben. Tipp: Es wird zwar immer Frischhefe empfohlen, aber ich bin mit Trockenhefe bisher besser gefahren.
  3. Zunächst mit der Küchenmaschine zu einem Teig kneten. Dann den Teig noch einmal auf einer bemehlten Unterlage mit der Hand kneten.
  4. Teig abgedeckt an einem warmen Ort 15-20 Minuten gehen lassen.
  5. Nochmals per Hand durchkneten.
  6. Teig in Brotlaibform bringen und auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen. Abgedeckt den Teig abermals an einem warmen Ort 45-60 Minuten gehen. Der Teig sollte sichtlich größer werden.
  7. Den Teig mit warmem Wasser bestreichen und mit Mehl bestäuben.
  8. Den Teig in dem auf 230°C vorgeheizten Backofen im unteren Dritten 10 Minuten backen. Dann die Temperatur auf 200°C verringern. Nach 35-40 Minuten ist das Brot dann fertig. Achtung: Je nach Backofen und genauer Position kann das Brot schon früher fertig sein. Ich empfehle schon nach 25 Minuten einmal danach zusehen. Nach 40 Minuten ist die Kruste sicher kross und das Brot recht dunkel.
  9. Das Brot komplett auskühlen lassen.
  10. Genießen!

Diese Anleitung zeigt: Selber Brot backen ist weniger schwer als gemeinhin angenommen wird. Außerdem bekommt man so auch an Sonn- und Feiertagen garantiert frisches Sauerteigbrot. Kleiner Nachteil jedoch: Günstiger als vom Bäcker wird das Brot eher nicht. Allein schon die Zutaten übersteigen preislich das Niveau vom Profi (ganz zu schweigen von Supermärkten und Co.) Wenn dann noch die Energiekosten und die Arbeitszeit hinzugerechnet werden, geht auch dem Laien auf, dass man dem Bäcker vielleicht mehr Dankbarkeit erweisen sollte, als dies bisher der Fall gewesen ist.

So in etwa sah mein Sauerteigbrot heute auch aus (Quelle: chefkoch-cdn.de)

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