Zensus 2011. Eine Volkszählung mit unangenehmen Folgen für Deutschland

Das Wichtigste zuerst: War der Zensus 2011 nötig? Die Antwort ist eindeutig: Ja. Die Fehlerquote der Hochrechnungen, mit denen sich Statistiker seit Jahrzehnten begnügen mussten, offenbart, wie dringend Deutschland eine Volkszählung brauchte. 1,7 Millionen (!!!) Menschen weniger als angenommen leben in Deutschland. 1,7 Millionen von 82 Millionen, das sind 2,1%. Okay, sagt sich jetzt der Laie, dann sind wie eben 2,1% weniger in Deutschland als angenommen. Wo liegt das Problem? Hat nicht jeder einzelne letztlich dadurch 2,1% mehr Platz, denn jetzt brauchen wir die Gesamtfläche nicht mehr mit rund 81,8 Millionen Mitmenschen teilen sondern nur noch mit etwa 80,2? Fühlt man sich da nicht gleich viel freier, nicht mehr so beengt und kann endlich wieder durchatmen? Bedeutet das letzten Endes nicht auch, dass sich in jeder Fußgängerzone 2,1% weniger Menschen bewegen als angenommen? Ist man da nicht gleich viel individueller? Wäre es nicht noch schöner, wenn wir nur 79 Millionen wären, eine Zahl, die sich viel kleiner anhört als 80, denn 80 ist schon fast 100. Oh Gott, fast 100 Millionen Menschen leben in Deutschland. Wie gut, dass die Zahl sinkt! Und ist die Gewissheit über die genaue Anzahl von in Deutschland lebenden Menschen (Es sind laut Tagesschau genau 80.219.695 Menschen) nicht ebenfalls ein Befreiungsschlag gegen die Ungewissheit, gegen Unwissen allgemein und damit gegen Ignoranz und Dummheit? Der Zensus 2011 als aufklärerische Mission, das wäre doch eine Argumentationslinie, die sich die Politiker zunutze hätten machen können, oder?

Stattdessen kam es jedoch ganz anders. Es gab Proteste gegen die Erhebung, da sie nicht nur die Zahl der Einwohner sondern gleichzeitig Informationen über Themen wie etwa der religiösen Zugehörigkeit ermitteln sollte. Das hat Datenschützer/innen und Bürgerinitiativen auf den Plan gerufen, die jedoch aufgrund mangelnden Interesses in der Öffentlichkeit keine Chance hatten, den Zensus zu verhindern. Es handelte sich daher eigentlich auch um mehr als nur eine Volkszählung. Eher könnte man das ganze als möglichst umfangreiche Datenerhebung bezeichnen, wobei dieser Ausdruck reichlich neutral gewählt ist. Diese Neutralität kann jedoch nicht gewährt werden, denn jedes Vorhaben dieser Art ist gleichzeitig auch immer hoch politisch. Was genau daran politisch sein soll, an einem rein statistischen Unterfangen? Schon die Prämisse, dass eine möglichst vollständige und umfangreiche Erfassung persönlicher Daten durch den Staat erlaubt sein soll, ist ein politisches Statement, das sich ganz in die Tradition des allmächtigen Nationalstaates des 19. Und 20. Jahrhunderts einfügt. Dem zufolge sei es den staatlichen Behörden unter dem Vorwand, die Daten doch nur zu erheben, damit der Staat bestmöglich für seine Einwohner sorgen könne, gestattet, bis tief in die Privatsphäre vorzudringen. So böte die Ermittlung der genauen Zahl von Religionszugehörigen für die Glaubensgemeinschaften eine wichtige Grundlage bei Entscheidungen über Schließungen oder Neueröffnungen von seelsorgerischen Einrichtungen. Der Zensus soll uns also nur Gutes bringen und unseren Bedürfnissen Rechnung tragen.

Schöne neue Welt, sag ich da nur, denn faktisch haben wir eigentlich nichts Positives zu erwarten. Es war auch vor dem Zensus 2011 keine Geheimnis, dass Deutschland ein Land mit einer sinkenden Einwohnerzahl ist. Jetzt stellt sich heraus, dass die absolute Zuwanderung (es befinden sich wesentlich weniger Zuwanderer in Deutschland als bisher angenommen) den Bevölkerungsrückgang nicht stark genug auffangen konnte. In der Realität heißt das, dass in vielen Orten weniger Menschen wohnen, als erhofft wurde. Die ersten Leidtragenden sind die nun nicht mehr Großstädte Siegen, Hildesheim, Salzgitter und Cottbus. Sie sind unter die magische Grenze von 100.000 Einwohnern gerutscht, was nichts anderes bedeutet als den Verlust enormer Zahlungen vom Bund. Hier enthüllt sich die Anpassung der Infrastruktur an die Bedürfnisse der Menschen als Abbau ebendieser, denn es muss ja auch dem Bürger einleuchten, dass 100.001 Menschen mehr Freizeitmöglichkeiten brauchen als etwa 99.999. Darüber hinaus wird die Adjustierung in anderen Bereichen bald folgen, so dass am Ende die mittelgroßen und Kleinstädte (wie so oft in der neueren Geschichte) die Leidtragenden sein werden, wohingegen die Ballungszentren, in denen sich das gesamte deutsche Kapital (nicht nur das monetäre) ohnehin bereits bündelt, weiter begünstigt werden. Da bin ich mal gespannt, wie die Politiker und Politikerinnen diese Ungleichentwicklung abfedern oder gar auffangen wollen.

Doch da stellt sich mir gleich die nächste Frage: Warum sollten sie dies beabsichtigen? Warum sollten sie sich für einen kleinen Teil der Bevölkerung einsetzen, von dem weder finanzielle Schlagkraft noch starke Lobbys zu befürchten sind? Von dieser Warte her, erscheint der Zensus 2011 als Chance, um den Bürgerinnen und Bürgern der Bundesrepublik zu zeigen, dass Politik mehr ist als die Meinung der Mehrheit. Sie kann ein Integrationsinstrument darstellen, um auch die Menschen wieder ins Boot zu holen, die beim Abschöpfen des leckgeschlagenen Kahns aus Panik gleich mit über Bord geworfen wurden. Die Zeit des blinden Aktionismus und der kurzsichtigen Tagespolitik muss vorüber sein, um allen in Deutschland Lebenden eine Zukunftsperspektive zu geben. Dies würde letztlich auch dem Land selber zugute kommen, da die Ausschöpfung individueller Potentiale die volkswirtschaftliche Leistung bis zu ihrem Maximum steigern kann. Ich für meinen Teil hoffe auf das Beste und werde geduldig die nächste Volkszählung 2021 abwarten. Mal sehen, was sich bis dahin tut…

Das offizielle Logo des Zensus‘ 2011 (Quelle: blog.sophia24.com)

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