Leben in der Ukraine – von teuren Lebensmitteln über den ÖPNV bis hin zu kaltem Wasser

Die dritte Woche ist vorbei. Es wird also Zeit für meinen wochenendlichen Bericht (den ersten gibt es hier und den von der zweiten Woche hier). Den möchte dieses Mal dazu nutzen, um ein erstes Resümee zu ziehen und zu beschreiben, wie es ganz allgemein ist, in der Ukraine zu leben. Dazu muss natürlich ganz zu Anfang gesagt werden, dass meine Aussage hier nicht repräsentativ ist und auch gar nicht sein kann. Dafür gibt es zahlreiche Gründe, die sich einerseits aus dem Land selbst ergeben (genannt seien unter anderem die großen Unterschiede im Lebensstandard zwischen Zentrum und Peripherie, die verschiedenen Mentalitäten von Ost und West, Nord und Süd, Steppe und Bergland aber auch die teilweise gegensätzlichen landschaftlichen Gegebenheiten, die verschiedene wirtschaftliche Nutzungen hervorbringen), aber auch der Fakt, dass meine Wahrnehmung aus meiner individuellen Perspektive heraus erfolgt. So fällt es mir leichter, mich im eher mitteleuropäisch geprägten Raum im Westen der Ukraine heimisch zu fühlen als im Osten und Süden, der bereits auf den ersten Blick andere als die im Westen dominierenden kulturellen Einflüsse darstellt. Daher soll das Leben in der Ukraine, das ich beschreiben werde, nicht als der Wahrheit letzter Schluss verstanden werden, sondern dem Leser und der Leserin eine Facette der Mannigfaltigkeit der Lebenssituationen in der Ukraine verdeutlichen. Aber nun genug der Vorrede, die ich insbesondere auch deswegen einschieben musste, weil mir die Ukraine ein lieb gewordenes Land ist und ich durch meine Erfahrungen und Begegnungen weiß, wie verschieden die Lebenswege der Menschen, die sich in ihm tummeln, verlaufen können.

Ich muss gleich zu Anfang einräumen, dass ich bei meinem diesmaligen Aufenthalt eine Art Kulturschock erlitten habe. Das war vorher nie der Fall gewesen oder zumindest nicht in der Stärke, wie er dieses Mal auftrat. Der Grund dafür ist mir durchaus bewusst: Es kam alles zusammen. Daher möchte gleich hier die täglichen Probleme des Lebens in der Ukraine auflisten, mit denen ich zurzeit kämpfe:

  1. Wir haben eine möblierte Wohnung gemietet. Das Problem: Die Möbel sind abgeranzt bis zum geht nicht mehr. Die Türen fallen aus den Schränken, wenn man versucht sie aufzumachen. Außerdem sind sie komplett zugestellt mit Ramsch des Besitzers, der nicht nur Unmengen von Kitsch darin lagert, sondern auch private Unterlagen, Fotos und dergleichen dort aufbewahrt. Letztlich überwiegt dadurch das Gefühl, hier nicht zu Hause zu sein. Ganz abgesehen davon gibt es kaum Stauraum, der für die eigenen Sachen zur Verfügung steht.
  2. Weiter ist die gesamte Wohnung ist einem Zustand der absoluten Verstaubtheit. Alles ist dreckig, staubig, verklebt oder einfach nur ekelig. Das Besteck mussten wir erst einmal abkochen, bevor wir es zum Essen verwenden konnten. Auf weitere Details bezüglich Toilette, Badewanne, Matratzen, Teppiche etc. will ich nicht weiter eingehen. Aber euphemistisch lässt es sich am besten vielleicht so formulieren, dass alle Einrichtungsgegenstände zusammen passen und sich in ihrem Erscheinungsbild einander angeglichen haben.
  3. Die Waschmaschine funktioniert nicht. Dieser Punkt dürfte für sich selber sprechen.
  4. Der Vermieter besitzt keinerlei Verantwortung sich zügig um Reparaturen zu kümmern. Am ersten Tag ging es noch, als wir festgestellt haben, dass der Duschschlauch defekt war. Es dauerte nur zwei Tage, bis er einen Bekannten vorbei schickte, der sich darum kümmerte. Aber anstatt gleich einen neuen Schlauch mit zu bringen, kam dieser erste einmal vorbei, schaute sich das Ausmaß der Arbeit an und kam am nächten Tag nach 18 Uhr (letztlich gegen 21 Uhr) wieder und behob das Problem. Schade nur, dass wir von da an unter dem nächsten Problem litten:
  5. Kein heißes Wasser! Zurzeit ist die gesamte kommunale Warmwasserversorgung aufgrund von „vorsorglichen Wartungsarbeiten“ abgestellt. Diese dauern etwa einen Monat. Danach wird sie dann wieder irgendwann freigegeben. Bis dahin heißt es weiterhin Wasser im Kochtopf auf dem Gasherd erhitzen. Das ist äußerst zeitaufwendig und das Abduschen nicht wirklich entspannend…
  6. Unzuverlässigkeit des öffentlichen Nahverkehrs. Es gibt in der Ukraine eher in Ausnahmefällen richtige Fahrpläne. Wo die Züge meistens pünktlich sind (das liegt daran, dass die Fahrtzeiten sehr großzügig kalkuliert sind! Bei der Deutsche Bahn ist eher das Gegenteil der Fall: Durch die Berechnung der Fahrtzeiten unter optimalen Bedingungen, die letztlich nur selten eintreten, leiden die Züge oft unter Verspätung.), versagen Stadt- und Minibusse auf ganzer Strecke. Tagsüber mag das noch tolerierbar sein, da meistens mehrere Busse in dieselbe Richtung fahren. Diese folgen einander quasi im Minutentakt, so dass, wenn ein Bus mal nicht auftaucht, einfach der andere genommen werden kann. Abends sieht es jedoch anders aus. Meine Erfahrungen vom letzten Wochenende sprechen da Bände.
  7. Hohe Nahrungsmittelpreise. Es mag paradox klingen. Dennoch ist es wahr: Obwohl das monatliche Durchschnittseinkommen in der Ukraine bei etwa 200-300€ pro Person liegt, sind fast alle Nahrungsmittel teurer als in Deutschland. Darunter reihen sich nur wenige Ausnahmen wie etwa für Eier-, Fleisch- und Weizenprodukte. Aber insbesondere wenn man keine minderwertigen Waren (in der billigsten Wurstsorte soll z. B. Sägespäne mit verarbeitet werden) einkaufen möchte, wird es oft teurer als in deutschen Supermärkten. Das verursacht natürlich Mehrausgaben in beträchtlicher Höhe, wenn man das monatlich für zwei Personen zusammenrechnet. Zwangsläufig muss daher oft auf entweder billige Nahrungsmittel zurückgegriffen werden oder einfach an der Diversität und damit an der Ausgewogenheit der Ernährung eingespart werden. Beides sind bedenklich Schritte.
  8. Als Ausländer in der Ukraine sieht man sich oft der Diskriminierung konfrontiert. Das ist zumindest der Fall, wenn man etwas von Privatpersonen kaufen möchte. Sobald diese wahrnehmen, dass man Ausländer ist, oder sogar spitzkriegen, dass man aus Deutschland kommt, sieht man förmlich die Dollarzeichen in den Augen aufblitzen. Man kann fast sicher sein, dass sie alles versuchen werden, um einen über den Tisch zu ziehen. Dieses Vorurteil macht sich auch bemerkbar, wenn man mit jungen Leuten ausgehen will. Automatisch wird angenommen, dass man relativ viel Geld besitzt und sich daher gehobene Gastronomie ohne Weiteres leisten könne.
  9. Dieses Problem äußert sich ebenfalls im Umgang mit der ukrainischen Polizei. In Charkow hatte ich da mehrere unangenehme Begegnungen mit einigen Polizisten, die jedesmal schwer enttäuscht waren, als sie erkannten, dass ich nur einen sehr geringen Bargeldbetrag mit mir herumtrug. Der große Fang war ihnen mit mir nie ins Netz gegangen. Dieses Mal sind mir bisher Begegnungen solcher Art erspart geblieben.

Das Leben in der Ukraine ist derzeit also nicht leicht. Es gibt Probleme, wie man sie als Ausländer überall antreffen kann. Darunter mögen einige zu finden sein, die sehr speziell für dieses osteuropäische Land sind. Daher sollte man sich, besonders wenn man mit dem Gedanken spielt, für längere Zeit in ein solches Land zu gehen, ganz genau Gedanken darüber machen, ob all dies auf Dauer erträglich ist. Damit kämpfe ich nämlich augenblicklich. Das mag aber auch daran liegen, dass durch eine 40-Stunden-Woche mein Leben einfach weniger entspannt ist, als es sonst immer war, wenn ich mich in der Ukraine aufhielt…

Wie dem auch sei. Ich hoffe, kein zu negatives Bild der Ukraine gezeichnet zu haben. In den kommenden Beiträgen werde ich aber dennoch wohl nicht daran vorbei kommen, eine Auflistung der positiven Aspekte des Landes zu erstellen. Darauf freue ich mich eigentlich ganz besonders, da dieses Land ein Land der Möglichkeiten, der Erfahrungen und der Gastfreundschaft ist. Mehr dazu jedoch später…

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Eine Antwort zu Leben in der Ukraine – von teuren Lebensmitteln über den ÖPNV bis hin zu kaltem Wasser

  1. meusspiritus schreibt:

    Das warme Wasser ist jetzt wieder da. Leider kommt es dafür gelegentlich zu Stromausfällen, weshalb die nun auch wieder funktionierende Waschmaschine nicht immer ihre Funktion erfüllen kann…

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