Lviv – ein Tag voller Spiel und Spaß. Vom Kindergetümmel in die Erholsamheit der städtischen Parks

Lviv und das Kindergetümmel

Ende letzter Woche habe ich mich noch beklagt, dass ich doch von der schönen ehemaligen Hauptstadt Galiziens noch nichts gesehen hätte, da ich einer von den vielen „Commutern“ geworden wäre. An die Arbeitswoche schloss sich das Wochenende an, das angereichert mit Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen wahrlich zum Flanieren und Stadtbegutachten einlud. So musste Lviv denn auch herhalten, um meine Gelüste zu befriedigen, die sich während der ersten Tage hier aufgestaut hatten. Aber die Großstadt, die jährlich abertausende von Touristen begeistern kann, würde sicherlich auch mit einem einzigen Individuum  wie mir fertig werden…

Und in der Tat war es zunächst nicht die Stadt, die mir zu willen wurde sondern ich der Stadt, die mit einer ihrer unzähligen Events aufwartete. Es fand nämlich eine Art Games Convention für Brett- und Kartenspiele statt, zu der ich nach langer aber letztlich unbarmherziger Überzeugungarbeit, der ich schließlich nachgeben musste, mitgeschleppt wurde. Lviv als Austragungsort einer „Old School Games Convention“ – und ich mittendrin. Dass es einmal soweit kommen würde, hätte ich mir wahrlich nicht vorstellen können. Umso überraschter wäre ich gewesen, wenn man mir gesagt hätte, dass es dort vor Grundschulkindern nur so wimmelte, die einen solchen Krach produzierten, dass man kaum den eigenen Gedanken fassen könnte. Aber genau so trug es sich zu. Ich ging zu diesem Treffen und versank quasi in dem Meer aus prä-pubertären Knaben und Mädchen, von denen einige freilich in guter ukrainischer Manier ihr Trachtenhemd trugen. Darunter mischten sich hier und da auch Erwachsene, die entweder die Kleinen begleiteten oder zu den Organisatoren gehörten, sowie ein kleine aber doch auffallende Zahl von pubertierenden Jungen. Es schien sich bei ihnen um Vertreter der Gattung „Nerd“ zu handeln, die ihre Freizeit durchweg mit Fantasyspielen und anderen Versuchen, der Wirklichkeit zu entfliehen, verbringen. Wie dem auch sei, jedenfalls fand ich mich inmitten dieser Ansammlung von durchweg lauten Menschen, die es mir unmöglich machten, mich intensiv mit dem Studium eines neuen Spieles vertraut zu machen. Ganz nebenbei: Ich kann mich durchaus mit Brettspielen anfreunden. Ich bin aber absolut kein Fan davon, ständig neue auszuprobieren, da die ersten Runden einfach richtig zäh sind. Ganz zu schweigen davon, dass man sich zunächst reinlesen muss, das Spielen also dem Charakter einer Lektüreübung gleich kommt. Von Zeit zu Zeit ist das okay, aber bei jedem Zusammenkommen mit den Freunden? Das ist zu viel. Unabhängig von der Häufigkeit, war ich dort ebenfalls nicht wirklich gewillt, mich mit derartigen Beschäftigungen auseinander zu setzen. Die Atmosphäre war einfach zu unruhig, nicht zu sagen: nervend! Wir sind denn auch schnell wieder nach einer Stunde gegangen, um uns den Rest von Lviv außerhalb des ehemaligen Palastes der Kultur, wo das Treffen stattfand, anzusehen.

Die Parks in Lviv – eine Sehenswürdigkeit!

Und was es da nicht alles gab. Aber bevor wir uns von all den schönen und sehenswerten Seiten der Stadt ablenken ließen, schlugen wir sofort den Weg Richtung ehemaliger Zitadelle ein. Wir waren schon einmal dort gewesen und haben das Areal einer gründlichen Inspektion unterzogen. Dabei war uns auch nicht entgangen, dass es etwa in der Mitte des gesamten Geländes einen kleinen Gedenkort gab, der den Getöteten in dem dort während des Zweiten Weltkrieges eingerichteten Arbeitslagers gewidmet war. Merkwürdigerweise war von dieser Erinnerungsplakette, denn mehr als eine Plakette – vielleicht noch eine Gedächtnistafel – war es wirklich nicht gewesen, nicht mehr zu sehen. Offen gestanden fehlte uns dieses Mal die Muße, uns durch den gesamten mit Wald besetzten Teil des Festungshügels durch zu kämpfen, um diesen Ort wieder zu finden. Dennoch waren wir überzeugt, uns nach kurzer Zeit genau an jenem Punkt befunden zu haben, wo wir ein Jahr zuvor überrascht gelesen hatten, dass es dort ein Arbeitslager der Nazis gegeben hatte. Und die Tafel war weg.

Aber mehr als den Status einer Kuriosität wollten wir dieser Entdeckung nicht zugestehen. Stattdessen trieb es uns weiter, über den Hügel hinweg zum städtischen Park, wo wir etwas lustzuwandeln beabsichtigten. Dieses Bedürfnis konnte die erste der beiden Anlagen eher nicht befriedigen. Der Khmelnitski-Park (überhaupt ist in Lviv fast alles nach ihm benannt. Nicht aus Zufall wohne ich in der Khmelnistki-Straße.) ähnelt mehr einem Vergnügungspark. An jeder Ecke wird etwas angeboten, um der Langeweile keine Chance zu geben. Kurzweiligkeit schien die Maxime bei der Konzeption dieses Areals gewesen zu sein. Bühnen, Go-Cart-Bahnen, Schausteller und natürlich Kioske und andere Einrichtungen, die zum Kauf von Erfrischungsgetränken aller Art und Köstlichkeiten für jeden Geschmack einladen, finden sich an jedem Laufmeter.

Umso erfreulicher war für mich der Übergang in einen älteren Teil, der sich direkt an den Khmelnistki-Park anschloss: der Stryiskyi-Park. Dieser wurde zu Zeiten der österreichischen Herrschaft über Galizien errichtet. Seine Gestaltung kommt dem, was ich gewohnt bin und erwartet habe, daher auch wesentlich näher als sein nördlicher Nachbar, der mir eher die Ruhe geraubt hatte, als sie mir nach dem Lärm des Vormittags wieder zu verleihen. Nicht nur seine größere Fläche ermöglicht die Flucht vor dem ihn umgebenden Großstadtgetöse. Auch seine landschaftliche Gestaltung mit Hügeln und Tälern, um nicht zu sagen: Schluchten, verhindert das Vordringen von unerwünschten Geräuschen. Diese Ruhe lockt natürlich auch Pärchen an, die sich ungestört sich selbst widmen wollen, oder einfach Familien, die eine Auszeit von dem Großstadtspiel brauchen. So oder so, ich genoss die natürliche Atmosphäre mit seinem Vogelgezwitscher, den tobenden Kindern, dem Lichtspiel der durch das Blattwerk schimmernden Sonnenstrahlen und dem Schattenspiel der verschiedenen Grünarten der Bäume, Sträucher, Gräser und anderer Pflanzen, die sich dicht aneinander drängten und mir die Kulisse für einen gelungenen Samstag boten. Die Künstlichkeit des Ausgangs aus dem Park tat dem kein Abbruch, eher ergänzte sie die Natürlichkeit des Rests, da sich sein angelegter Teich und das etwas abseits stehende Monument für einen polnischen Freiheitskämpfer harmonisch in den Rahmen einfügten. Ein Tor entließ uns dann wieder in die Stadt, wobei der Straßenzug, der uns zunächst aufnahm, di Funktion einer Schleuse wahrnahm. Es war nicht das Lviv, das wir aus dem geschäftigen Zentrum und seinen Trabantenvierteln kannten sondern ein Lviv der Gemütlichkeit mit Jugenstilbauten, Vorgärten und ohne Verkehr. Dies tat der Seele, die befürchtet hatte, sofort wieder in das Gewühl, den Stress und den Lautstärkepegel der Großstadt entlassen zu werden, wahrlich gut. Nur langsam, Schritt für Schritt wurde die Ruhe wieder aufgelöst. Jeden Straßenzug ein bisschen mehr, jede Kreuzung etwas geschäftiger, jeder Platz ein paar mehr Menschen bis wir uns dann schließlich zurück im Zentrum befanden, wo sich alles abspielte, wie wir es gewohnt waren.

Warten auf Godot

Wir trennten uns. Wo die anderen es vorzogen, sich dem Städtischen anzuschließen, gebot es mir der Nachklang der Ruhe mich auf den Heimweg zu begeben. Ich schlug daher die Richtung zur Bushaltestelle ein, von wo normalerweise alle fünf bis zehn Minuten ein Linienbus in die von mir benötigte Richtung fuhr. Aber natürlich nicht an diesem Tag. Ich verbrachte geschlagene 90 Minuten dort ohne auch nur den Hauch einer Chance zu erkennen, dass mein Bus noch kommen würde. Im Gegenteil: die Zahl der Wartenden halbierte sich geschätzt jede halbe Stunde. Mir kam es vor, als wenn ich der einzige wäre, der nicht verstanden hat, dass der Bus nicht mehr kommen würde. Aber nach dreimaliger Halbierung begriff auch ich, dass es Zeit war, mein Schicksal selbst in die Hände, oder zutreffenden: in die Füße, zu nehmen. Ich entschloss mich dazu, den Heimweg zu Fuß zurückzulegen. Das einzige Problem war dabei, dass ich weder eine Karte bei mir hatte (mein Smartphone half mir wenig, da es keine Verbindung aufbauen konnte) noch wirklich die Strecke kannte, die es zu bewältigen gab. Bis dahin hatte ich es immer vorgezogen während der halbstündigen Busfahrt etwas zu lesen anstatt gelegentlich aus dem Fenster zu schauen. Das rächte sich nun, da ich, auch wenn ich mich auf dem richtigen Weg befand, dem keinen Wiedererkennungswert abringen konnte. Glücklicherweise gibt es jedoch einen Berg, auf dem sich ein Funkturm befindet. Ich wusste genau, welchen Eindruck sein Erscheinungsbild von unserer Wohnung aus gesehen macht und beschloss daher solange in bestimmte Richtungen zu gehen, bis er in Größe, Form und Farbe dem ähnelte, an das ich mich zu erinnern glaubte. Diese Vorgehensweise funktionierte besser als gedacht und so befand ich mich nach eineinhalbstündigem Marsch letztlich wohlbehalten vor unserer Haustür, öffnete sie, schloss sie sofort hinter mir wieder ab und lud nur die schönen Eindrücke des Tages ein, noch etwas mit mir zu trinken. So klang der Abend mit einem Schwatz zwischen uns bei einem gemütlichen Glas Tee langsam aus.

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