Center for Urban History of East Central Europe in Lviv – eine Woche Praktikum ist vorbei

Ich gebe es gerne zu, dass ich in den letzten fast zwei Wochen, meinen Blog mal wieder stark vernachlässigt habe. Aber manchmal gibt es einfach Gründe. So auch hier. Der/ die aufmerksame Leser/in wird meinen letzten Eintrag über die orthodoxe Ikonografie als Ouvertüre für mein zu der Zeit noch bevorstehendes Projekt bereits begriffen haben. Daher nun die Auflösung: Ich befinde mich aktuell in Lviv, konkret im Center for Urban History of East Central Europe, wo ich ein Praktikum ableiste. Nun ja, an sich nichts besonderes, aber dennoch möchte ich allen Interessierten einen Einblick geben, wie es nicht nur in der Stadt sondern auch hier im Center aussieht. Vielleicht kann ich auch den einen oder die andere dazu motivieren, selbst einmal ein Praktikum hier anzutreten, denn Bedarf, so viel steht fest, besteht auf jeden Fall.

Center for Urban History of East Central Europe

Im Center halte ich mich den größten Teil meiner Zeit auf, da ich bemüht bin, meinen Achtstundentag voll zu bekommen. Das basiert natürlich mehr als nur auf altruistischen Mentalitäten. In der Tat möchte ich mir mein Praktikum von der Uni anerkennen lassen. Dazu muss ich aber, wie könnte es auch anders sein, ein paar Bedingungen erfüllen. Eine davon ist, dass die wöchentliche Mindestarbeitszeit nicht unter 40 Stunden liegen darf. Dies allein könnte schon fast als Zumutung und als unmöglich zu befriedigen gelten, da in vielen Einrichtungen eine 35-Stunden-Woche üblich ist. Wie dem auch sei. Ich möchte jedenfalls gerne mein Praktikum hier zur Erfüllung meiner studentischen Pflichten, die mir durch die Prüfungsordnung auferlegt worden sind, nutzen und muss mich daher jenen Anforderungen beugen.

Das Center for Urban History of East Central Europe scheint dazu hervorragende Voraussetzungen zu bieten. Die Atmosphäre hier ist angenehm frei und jeder und jede hier scheint im Prinzip tun und lassen zu können, was er/ sie will. Natürlich alles im Rahmen der Möglichkeiten, d.h. solange die wichtige Arbeit getan wird, kann die restliche Zeit genutzt werden, wie sie wollen. Auch mir wurde immer wieder nahegelegt, dass ich mich nicht so auf die Erfüllung der mir gegebenen Aufgaben fixieren soll, sondern mir auch Zeit für meine eigenen Recherchen nehmen müsse. Das macht insbesondere Sinn, da ich derzeit aus Ermangelung an Alternativen meinen Arbeitsplatz im Lesesaal der Bibliothek eingerichtet habe. Zugegeben: sie ist insgesamt nicht groß und der Saal ist weit davon entfernt es mit dem der Congress Library aufnehmen zu können (bestenfalls könnte er dort als Gruppenarbeitsraum dienen). Dennoch bietet sie alles, was man braucht, wenn man sich mit dem speziellen Thema des Urban Space und der Urban History auseinander setzen möchte. Ich erfreute mich denn auch des erstens Durchschauens der Bücherreihen, da unter den mitunter bereits verstaubten Bänden der ein oder andere Autor verschüttet lag, den ich selbst gelesen habe. Mitunter befand sich sogar das gleiche Buch im Bestand, das zuhause meiner Rückkehr harrt. Das war mir ein freundliches Willkommen und vermittelte ein Gefühl der Vertrautheit, mit dem ich mich vom ersten Tag an gut aufhoben fühlte.

Was mache ich nun seit Montag hier in dem Center? Eigentlich nicht viel. Als erste Aufgabe wurde mir angeboten, die seit einiger Zeit beiseite gelegten Bücher, die hauptsächlich auf Deutsch erschienen sind, und deren Anzahl nunmehr zu einer eigenen kleinen Abteilung der Bibliothek anzuschwellen drohte, zu katalogisieren. Das mache ich mit Freuden, kann ich doch so mein eigener Herr sein und gleichzeitig Buch um Buch in Ruhe durchschauen. Es überrascht auch nicht, dass es bereits einige gab, in die ich mich dann auch vertiefen wollte. Manchmal war der Grund dieses Kennenlernens jedoch rein praktischer Natur: Da ich für die Eingabe ins System auch Schlüsselwörter angeben muss, setzt dies voraus, dass ich ungefähr weiß, worum es in dem Werk geht. Bei einigen ist es unkompliziert, um nicht zu sagen: banal. Andere Bücher sind jedoch wie verschlüsselte Botschaften. Auf den ersten Blick scheint es offensichtlich zu sein, worüber die einzelnen Kapitel und/ oder Essays berichten. Die Frage aber, was das Werk zusammenhält, hat schon so manches Mal nicht nur meinen Kopf zum Rauchen gebracht sondern meinen Ehrgeiz angespornt, dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Bisher ist es mir noch immer gelungen, auch wenn es so manches Mal gab, dass ich nicht hundertprozentig zufrieden war mit meiner Kategorisierung. Aber letzten Endes offenbart ein Blick in die online Datenbank des Centers die Pragmatik, mit der andere vor mir bereits rigoros gewütet haben. Ich versuche lediglich, einem Wörtersystem treu zu bleiben und so dem potentiellen Nutzer und der potentiellen Nutzerin eine Hilfe zu sein. Ich hoffe, ich werde Erfolg haben damit.

Die Frage, die mich anfangs sehr gequält hat: warum muss erst ein deutscher Praktikant auftauchen, damit unter anderem wichtige geisteswissenschaftliche Werke des deutschsprachigen Raums in den Bibliotheksbestand aufgenommen werden? Die Antwort scheint offensichtlicher nicht sein zu können, aber irritiert doch etwas. Das Center for Urban History of East Central Europe wird nämlich von einer österreichischen Stiftung finanziert, weshalb es oft auch zu Bücherspenden aus Österreich (insbesondere vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung) kommt. Diese erreichen dann zwar postalisch ihren Bestimmungsort, verbleiben aber zunächst ungenutzt, da niemand hier im Center deutsch beherrscht. Das finde ich ein bisschen paradox. Sollte diese Stiftung wirklich so selbstlos sein und Geld einfach so für eine gute Idee vergeben? Würde es konzeptionell nicht Sinn machen, zur Aufarbeitung auch der österreichischen Geschichte der Stadt Lemberg wenigstens eine/n Forscher/in mit Deutschkenntnissen vor Ort zu beschäftigen? Diese Überlegung scheint keine eminent wichtige Rolle in der Personalpolitik des Centers zu spielen, in die ich mich auch wirklich nicht einmischen will. Aber nachdenken darf man jawohl noch, oder?

Lviv – das Tor zum Osten?

Wie steht es nun um die Stadt selbst? Ehrlich gesagt, habe ich von Lviv bisher nicht wirklich viel mitbekommen. Ich habe eine Wohnung weit außerhalb des historischen Stadtzentrums bekommen. Der Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist zwar unbeschwerlich, da die eine Endhaltestelle direkt von meiner Haustür gelegen ist und sich die andere etwa hundert Meter vor dem Center befindet, aber dadurch entgehen mir eben die Einblicke in das Stadtleben, wie ich sie gerne gewinnen würde.

Es ist das erste Mal, dass ich wirklich in Lviv lebe. Die Male, die ich mich vorher in der Stadt befand, dienten zwar nicht immer in erster Linie touristischen Zwecken, müssen aber letzten Endes so verstanden werden. Ich war Zuschauer, Betrachter, Neugieriger, Tourist. Nun lebe ich hier und bin ein Teil der Masse, die sich morgens aus den „Schlafbezirken“ Richtung Zentrum schiebt, um am Abend wieder zurück zu schwappen. Ich gehöre zu jenen, die ihr Essen zuhause selber kochen, um es auf Arbeit in der Mikrowelle aufzuwärmen anstatt einfach schnell in den nächsten McDonalds zu gehen, wenn der Magen knurrt. Ich bin einer der Menschen, die Tag für Tag dieselben Wege gehen und irgendwann genau wissen, wo sich welcher Stein mit welcher markanten Form am Gehwegrand befindet, aber nicht sagen kann, was hinter der nächsten Parallelstraße aufwartet. Ich bin genau wie alle anderen, die tagaus tagein arbeiten gehen und dem Wochenende entgegenfiebern, um endlich ein paar Stunden Freizeit zu haben, die dann am Ende damit zugebracht werden, ein paar Freunde zu treffen, mal auszuschlafen und von Zeit zu Zeit sich in das Getümmel der Touristen zu werfen, um sich den Genüssen, denen jene erliegen, selbst für ein paar Momente hinzugeben. Sonntagabend bemerkt man dann erschrocken, dass von den Dingen, die eigentlich zu erledigen gewesen wären, nichts vollbracht worden war. Sie werden aufgeschoben bis zum nächsten Wochenende…

Was ist Lviv? Eine Stadt wie jede andere. Hier leben Menschen, die jeden Tag versuchen, das Beste aus ihrem Leben herauszuholen. Wirklich gelingen kann es nur den wenigsten, aber jeder und jede träumt davon, es zu schaffen. Für mich ist die Stadt im Westen der Ukraine ein Transitionspunkt. Die Architektur des Zentrums erinnert mich an vertraute Welten, wie ich sie in Mitteleuropa überall finden kann. Gleichzeitig begegnet mir aus den Augen seiner Bewohner ein fremder Blick, der eine Mischung aus jener Hoffnung, Verzweiflung, Pragmatismus und Apathie zu sein scheint. Das ist natürlich nur meine Wahrnehmung und garantiert nur eine Facette, die mich während dieser ersten Woche jedoch an jeder Ecke zu begrüßen schien. Vielleicht wird es in der nächsten eine andere sein…

Dieser Beitrag wurde unter Lviv abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s