Freie Liebe? Die Grünen setzen sich für die Legalisierung von Inzest ein

Was ist bloß los in Deutschland? Dieses Wochenende hat sich die Alternative für Deutschland gegründet, die von der Tagesschau als quasi Neonazis hingestellt wird (siehe hier) und nun sorgen die Grünen für Aufruhr. Wenn die etablieren Parteien so etwas schaffen, muss schon gehörig was vorgehen, um nicht zu sagen: ein Skandal muss es sein. Und fast so könnte man es auch bezeichnen, denn die Grünen haben sich an das Thema Inzest gemacht, eines der letzten Tabuthemen in unserer ach so modernen Gesellschaft.

Hintergrund: Am Freitag, dem 12. April 2013, hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrecht den in Deutschland bestehenden Inzestparagrafen für nicht rechtswidrig erklärt. Es ist also legal, Geschwister, die sexuell mit einander verkehren, strafrechtlich zu verfolgen, auch, wenn ihnen gar nicht bewusst ist, dass sie Verkehr mit einem Bruder oder einer Schwester haben. Die Grüne Jugend Augsburg zum Beispiel hat dies als „als äußerst negative Entwicklung“ kommentiert und setzt sich daher, in Einklang mit der Bundespartei, für eine Abschaffung des Paragrafen ein.

Die Reaktionen sind heftig. Als Beispiel wieder die Grüne Jugend in Augsburg (nachzuverfolgen auf dem Blog: gjaugsburg.wordpress.com), die sich auf ihrem Blog als „grüne Spinner“ und ähnliches bezeichnen lassen muss. Dabei geht die Argumentation der meisten Beiträge klar an der Realität vorbei. Ein Kommentator trifft dabei den Nagel auf den Kopf: „[…] wir reden von kleinen Minderheiten – Einzelpersonen, die ein Leben neben der Norm führen, und im Moment vom Gesetz diskriminiert werden. Es ist nicht so, als würde halb Deutschland plötzlich Inzest betreiben, wenn das Verbot aufgehoben wird! Also bleibt für mich nur noch ein valides Argument zu dem Thema: Leben und leben lassen.“ Genau so ist es. Es geht um das individuelle Recht jedes und jeder einzelnen, glücklich werden zu dürfen. Das Verbot der Liebe unter Geschwistern schränkt genau dieses grundlegende Recht ein. Es widerspricht damit eigentlich allen Vorstellungen einer freiheitlichen Gesellschaft, die das Individuum über das Gemeinwohl und damit das persönlichen Streben nach Glück über Gesellschafts- und Staatsinteressen rückt. Waren das nicht genau die Lehren, die die Deutschen aus zwei Weltkriegen gezogen hatten?

Jetzt kommt das wieder, mag der/ die Leser/in denken, aber wahr ist es dennoch. Aus paranoider Angst einer Degeneration des Deutschen Genbestandes wurde damals versucht, alle „minderwertigen Elemente“ auszumerzen. Das betraf gesellschaftliche Minderheiten genauso wie Behinderte. Ich muss sagen, dass mich das Verbot der Geschwisterliebe stark an diese Gedankengänge erinnert. Wir, als Mehrheit der Gesellschaft, bilden uns ein, bestimmen zu können, welche Regeln eine Minderheit im Privatleben einhalten muss, um die Gesellschaft an sich nicht zu schädigen. Inzest entspricht nicht der Norm der meisten Menschen in unserem Land und wird daher einer Minderheit als Abnormalität und Gefahr für die gesamte Gesellschaft zugeschrieben.

Der Vergleich mit irgendwelchen Bergdörfern, die über Generationen total „degenerierte“ Nachkommen hervorbringen ist übrigens obsolet, denn Deutschland ist kein Bergdorf! (im Übrigen sollte mir doch bitte einmal bewiesen werden, dass es diese Bergdörfer wirklich gibt, denn ich halte das Allgemeinwissen über diese größtenteils für Horrorgeschichten einer inzestfeindlichen Gesellschaft) Der Knackpunkt liegt selbst dort dann in der Tatsache, dass in diesen Dörfern nur ein beschränkter Genpool zur Verfügung steht und erst durch die Rekombinationen über mehrere Genrationen zu dem vermehrten Auftreten von Genkrankheiten führt. Die Chance, dass sich die Kinder von zwei sexuell mit einander verkehrenden Geschwistern auch in einander verlieben, ist in unserer Gesellschaft aber einfach so gering, dass sie gegen Null tendiert!

Was sind aber die Wurzeln dieses plötzlichen Einsatzes für sich liebende Geschwister? Ist freie Liebe das Paradigma? Vielleicht sind es wirklich die leisen Nachklänge des 68er Erbes bei den Grünen, die diese Position zu diesem Thema hervorrufen. Sicher bin ich mir da allerdings nicht (wieder dient mir die Grüne Jugend Augsburg als Argument, denn von den Mitgliedern dort, hat wohl kaum jemand die 68er miterlebt). Das Problem liegt darin, dass der Term „Freie Liebe“ vorbelastet ist. Versuchen wir, ihn einmal anders zu betrachten. Was, wenn er lediglich die Einstellung beschreiben würde, dass wer auch immer wen auch immer lieben darf (ganz ohne sexuelle Hintergedanken). Dabei würde es dann nicht um die Befriedigung sexueller Wünsche und Gelüste sondern um die Verwirklichung des eigenen Lebensdesigns gehen. Wenn einem Menschen verboten wird, innerhalb einer sich als zusammengehörig definierten Gemeinschaft zu lieben, wie können wir dann im weiteren Schritt auf Ideale wie christliche Nächstenliebe bauen oder um Mitgefühl für Völker auf anderen Kontinenten werben, denen es bei weitem schlechter geht als uns, weil sie von Hungersnöten, Bürgerkriegen oder diktatorischen Regimen geplagt werden.

In diesem Kontext ist freie Liebe mehr als nur eine verkappte Hippie-Idee. Sie rührt an den Grundfesten unserer Gesellschaft. An dem Thema Inzest zeigt sich nun nach über 60 Jahren, wie tolerant die Deutschen wirklich sind. Dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Position des Staates dabei noch stützt, ist nicht weniger bezeichnend für den Weg, auf dem sich auch Europa bewegt. Es stimmt mich traurig, sehen zu müssen, wie die Mehrheitsgesellschaft immer noch einer Minderheit verbieten kann, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Das fatalste daran ist, dass es gesetzlich festgeschrieben ist und durch ein internationales Gericht für Menschenrechte bestätigt wurde. Ich hoffe, dass die Diskussion bald an Emotionalität verlieren, an Sachlichkeit gewinnen und letztlich das Gesetz geändert wird. Alles andere würde mir die Schamesröte vor meinen Kindern ins Gesicht treiben!

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Eine Antwort zu Freie Liebe? Die Grünen setzen sich für die Legalisierung von Inzest ein

  1. Oliver S. schreibt:

    Kleine Korrektur: Dass der EGMR das Inzestverbot für rechtens erklärt hat, fand schon am 12. April 2012 statt, also vor einem Jahr.

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