Eine kleine Geschichte Lateinamerikas von Hans-Joachim König – eine Einführung für Unerfahrene

Ich habe es endlich geschafft und nach einigen Monaten folgendes Buch beendet: Kleine Geschichte Lateinamerikas von Hans-Joachim König. Dabei stellt sich zunächst die Frage, warum ich mir dieses kleine Handbuch im Reclam-Heft-Format überhaupt zu Gemüte geführt habe, da ich doch schon umfangreiches Vorwissen durch meine vorangegangene Lektüre besitze (unter anderem Todorov mit „Der Eroberung Amerikas“). Aber das bisher Gelesene hatte eben einen eindeutigen Fokus auf die Eroberung Amerikas und den Völkermord an den Ureinwohnern. Darüber hinaus setzt dann das aktive Wissen erst wieder im 20. Jahrhundert ein. Die Lücke dazwischen zu schließen, hoffte ich nun durch oben erwähntes Werk zu erreichen.

Die Kleine Geschichte Lateinamerikas von Hans-Joachim König (Quelle: bpb.de)

Daran gemessen hat mir die kleine Geschichte Lateinamerikas durchaus viel gebracht. Auf den über 800 Seiten gibt es kein nennenswertes Events in der lateinamerikanischen Geschichte, das nicht Erwähnung findet. Darunter reihen sich auch singuläre Ereignisse, deren Einordnung in den Gesamtrahmen letztlich zwar immer gegeben ist, aber während der Schilderung manchmal etwas fragwürdig in ihrer Bedeutsamkeit erschienen. Darüber hinaus leidet das Buch genau unter diesem Fokus auf die Ereignisgeschichte. Es erschien mir sogar so, als ob der Autor, ein ausgesprochener Kenner seines Faches, durch dieses regelrechte Bombardement an Fakten den Leser und die Leserin beeindrucken zu beabsichtigte, gerade so, als ob er beweisen wollte, wie vielschichtig und vielgestaltig die Geschichte dieses manchmal so weit weg gedachten Kontinentes tatsächlich ist. Das hat er bei mir ohne Frage geschafft. Leider muss ich jedoch zugeben, dass mir dieses Faktenwissen nicht wirklich viel nützt, denn die hätte ich auch einfach bei Bedarf bei Wikipedia nachschlagen können.

Des Weiteren hilft diese Einführung in die lateinamerikanische Geschichte den angehenden Akademikerinnen und Akademikern eher wenig, da das Werk nicht zitierfähig ist. Dafür bietet es aber am Ende eine umfangreiche Bibliografie, die jeden und jede Interessierte/n mit Empfehlungen auch zu Unterthemen versorgt. Daher würde diese Lektüre eher in die Kategorie Freizeitbeschäftigung fallen, insbesondere da sie recht umfangreich ist.

Außerdem gibt es abgesehen von dem Mangel an sozial-, wirtschafts- und gesellschaftsgeschichtlichen Aspekten noch einen weiteren Punkt, den es beim Lesen des Buches unbedingt zu beachten gilt. König selbst betont diesen Punkt mehrmals, weshalb er umso mehr hervorsticht: Die Betrachtung der Geschichte Lateinamerikas wird unter der Prämisse verfolgt, dass sich die Entwicklung der inbegriffenen Staaten zu einem Nationalstaat vollzieht. Dementsprechend werden die geschichtlichen Entwicklungen an der Frage gemessen, in wie weit es den jeweiligen Staat auf dem Weg zu einem Nationalstaat vorangebracht hat. Dies entspricht einem teleologischen Weltbild Königs, das nicht immer angebracht ist und den/ die unvoreingenommene/n Leser/in manchmal daran hindert, die geschilderten Prozesse und Ereignisse im Kontext der jeweiligen Zeit zu beurteilen. Stattdessen übernimmt der Autor diese Aufgabe bereits selbst.

Alles in allem muss ich sagen, dass die ereignisgeschichtliche Lücke, die ich zu schließen vorhatte, sich tatsächlich zu einem Gerüst entwickelt hat, auf das ich meine weitere Beschäftigung mit der Geschichte Südamerikas aufbauen kann. Daher bin ich mit dem Buch zufrieden. Für Leserinnen und Leser, die jedoch mehr erwarten, würde ich eher empfehlen, einen Blick in das Literaturverzeichnis zu werfen und von dort tiefergehende Betrachtungen zu suchen, die den konkreten Interessen eher entsprechen. Bei einem Thema dieser Bandbreite mag das nicht ganz einfach sein, aber wer sagt auch, dass Geschichte einfach sei?

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Datenschutz, das Problem des 21. Jahrhunderts – wie gut, dass ich in der Ukraine bin

Datenschutz, nicht nur ein deutsches Problem

Tja, wer hätte das gedacht: Der amerikanische Geheimdienst sammelt großflächig Internetdaten. „Ein Skandal“, posaunen die einen. „Reine Schutzmaßnahmen“, beruhigen die anderen und „Keine Überraschung“, lässt eine kleine Minderheit von Menschen verlautbaren, die sich ernsthaft um Themen wie Datenschutz und Privatsphäre sorgen. Unter ihnen verläuft eine äußert dünne Linie zwischen apokalyptischen Propheten, die die Sammlung möglichst aller privaten Daten nur als Vorstufe zum Orwell’schen Staat ansehen und einfach besorgten zivilcouragierten Aktivisten, die sich um die Belange der Bürger eines Rechtsstaates kümmern. Ab und an publiziert die Mainstream-Presse einen Bericht, der datenschutzrechtliche Skandale enthüllt, wie dies etwa heute bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen ist. Dort wird entlarvt, dass eben jener Geheimdienst sich bei Servern großer Internetprovider bedient hat. Wie konnte er das nur tun? Dass er dabei ganz vergessen hat, auf Probleme des Datenschutzes einzugehen, empört nun die Weltöffentlichkeit, die darüber hinaus ganz vergisst, dass in ihren eigenen Ländern wahrscheinlich genau das gleiche getan wird. So wäre es naiv, anzunehmen, der deutsche Geheimdienst wäre ein Musterknabe in Sachen Datenschutz, dem nie in den Sinn käme, willkürlich Informationen zu sammeln. Ein größeres Problem stellen wahrscheinlich noch die großen Internetfirmen dar, die kundenorientierte Werbung anbieten wollen, um ihren Absatz zu steigern. Wieder in der F.A.Z. wird in diesem Zusammenhang auf die Bedenken Peter Schaars, des Bundesbeauftragten für Datenschutz, eingegangen. In demselben Artikel meint der Autor, dass dies dem aufmerksamen Konsumenten zum Beispiel bei Amazon schon lange hätte auffallen können, da eben die individuelle Werbung das Vorgehen des Anbieters verrät. Jeder und jede, der/ die etwas gesunden Menschenverstand besitzt, könne daher doch eins und eins zusammenzählen und sich selbst ausmalen, dass diese auf den Käufer abgestimmt Werbung nur das Resultat der Auswertung zuvor gesammelter Daten sein kann. Leider beunruhigt das jedoch kaum noch jemanden. Im Gegenteil gibt es sogar vieler Nutzer, die glücklich sind, Werbeanzeigen zu sehen, die sie potenziell interessieren könnten, anstatt nur immer irgendetwas annonciert zu bekommen, was absolut nicht zu ihnen passt. Also doch schöne neue Welt, in der unter dem Deckmantel der Käuferinteressen Daten ausgespäht und Persönlichkeitsprofile erstellt werden?

Ukraine – schöne alte Welt

Diesen Aussichten bin ich zumindest vorerst etwas entgangen. Hier in der Ukraine gibt es nur ein sehr geringes Interesse an Datenschutz, was in erster Linie daran liegen wird, dass sowohl der Staat als auch seine Bewohner andere Sorgen haben. Der Geheimdienst mag sich die neuen Medien bei der Bekämpfung von Oppositionellen zunutze machen, aber den Ottonormalverbraucher kann er schon aus Gründen der begrenzten Kapazitäten nicht großflächig überwachen. Warum auch? Denn so sehr wie jeder als unschuldig vermutet wird, ist auch jeder schuldig. Es gibt meines Erachtens in der Ukraine keine Person über 18 Jahre, der/ die nicht schon einmal jemanden geschmiert hat. Strafen kann man im Allgemeinen ebenfalls durch Bestechung entgehen (sogar bei Mordfällen). Und was das Internet angeht, so spricht das soziale Netzwerke vkontakte Bände: Dort werden Filme und Musik hochgeladen, die man sich jederzeit anschauen kann. Es gibt keinerlei Bedenken in Sachen Copyright und Datenschutz. So ist Downloaden in der Ukraine ebenfalls ein Alltagsphänomen, an dem jeder und jede teilnimmt. Und niemand befürchtet, dafür strafrechtlich belangt zu werden. In diesem Sinne herrschen hier noch die alten wilden Internetzeiten, die nach Freiheit schmecken und grenzenloses Wissen bereitstellen.

Freies Netz für freies Verbrechen?

Leider hat die Sache auch erhebliche Nachteile: Wenn alles erlaubt ist, ist eben alles erlaubt. Es gibt eine Plattformen für jede Vorliebe, so dass auch zum Beispiel Pädophile ihren Interessen entsprechend etwas finden können. Ähnlich steht es mit Themen wie Rassismus, Gewalt, Antisemitismus etc. Das Thema ist ambivalent und eine Position schwer zu finden. Wenn einmal interveniert wird (besonders, wenn das von staatlicher Seite passiert), wird ein Präzedenzfall geschaffen, der auch zukünftiges Einmischen legitimiert. Damit wird der Bürger seiner Rechte beraubt, selbst entscheiden zu können, wann er/ sie was sehen möchte, oder sich über was informieren möchte. Es entsteht eine (staatliche) Zensur, die den mündigen Menschen bevormundet. Bleibt solch ein Vorgehen aber aus, haben Kriminelle nichts zu befürchten und können weiterhin im Netz agieren, wie sie wollen. Letztlich geht es wohl, ähnlich wie in der Debatte um Inzest darum, wie sich eine Gesellschaft selbst definiert und welche grundsätzlichen Verhaltensnormen sie sich selbst auferlegt, nach denen dann verhandelt wird, welche Werte über welche Ängste stehen und welche Rolle der Staat dabei einnimmt. Ein Prozess, der auch ohne das Internet schon schwer genug war.

Datenschutz – die unendlichen Möglichkeiten des Internets (Quelle: horizononline.org)

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Nähen lernen. Dem Konsum entgegen wirken und alte Klamotten sinnvoll verarbeiten

Nähen lernen gegen den Kosum (Quelle: http://www.hilfreich.de)

Nähen lernen als neues Hobby?

Es wird Sommer und einigen Leuten stellt sich da jedes Jahr aufs Neue die Frage nach einem Hobby. Hier habe ich eine Idee, die das Sonnenbaden weniger langweilig zu machen verspricht. Nähen lernen heißt das Motto dieses Sommers zumindest für mich. Das Praktische: Eigentlich braucht man wie beim Sticken oder Stricken nicht viel dabei zu haben, um loszulegen oder ein begonnenes Projekt weiterzuführen. Alles, was man benötigt, passt entspannt mit den Badesachen zusammen in die Tasche. Egal ob dann am Strand mit den Freunden, In einer Pause während einer Fahrradtour oder auch gerne während der Vorlesung in der Uni. Wenn man nähen lernt, kann man überall sonst ungenutzte Zeit für etwas Praktisches verwenden. Und wer dann etwas Übung hat, kann sich wie gehabt nebenbei trotzdem auf den Vorlesungsstoff konzentrieren oder sich in den Plausch mit Freunden vertiefen. Einen ersten Leitfaden für Einsteiger gibt es hier als pdf.

Konsum bekämpfen – Nähen als Ideologie?

Natürlich kann das Nähen wie fast alle andere Tätigkeiten auch ideologisch begründet werden. Die Homepage, von der der Leitfaden stammt, ist denn auch nicht eben ideologiefrei. Unter dem Namen www.einfachganzanders.de wird der Konsum als Problem wahrgenommen und Ideen vorgestellt, um die Kosumwut zu bekämpfen. Dazu werden auch Hintergrundmaterialien zur Verfügung gestellt, die dann zum Beispiel das Erlernen des Nähens als ganz praktischen Lösungsansatz im Kleinen für eines der größten Probleme der Menschheit darstellt. Daneben gibt eine breite Auswahl an Einführungen, Ratgebern und Ideenspendern für eigenes umweltfreundlicheres Verhalten. So soll dem individuellen Konsum beigekommen werden, ohne die Menschen mit den großen politischen Debatten, die sich um Umweltschutz, Erderwärmung etc. entsponnen haben, zu verwirren und vom Wesentlichen abzulenken, denn Umweltschutz beginnt, wie vieles andere auch, eben mit kleinen Taten und Tätigkeiten. Hinter dieser Initiative steht die Jungend des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zusammen mit dem Eine Welt Netz NRW e.V.

Mit Verantwortung in eine bessere Welt

Mit dieser Homepage kann dem/ der Einzelnen etwas an die Hand gegeben werden, was im Alltag hilft, den Konsum zu reduzieren. Damit kann letztlich auch jede/r individuelle Verantwortung für die umweltpolitischen Probleme unserer Zeit übernehmen und einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten. Ganz abgesehen davon, bietet der Ratgeber zum Nähen lernen auch eine Möglichkeit für einkommensschwache Personen, sparsamer zu leben. Umwelt- und Klimaschutz kann also auch eine Tugend sein, die aus der Not geboren wird, eine Not, die manchmal existentielle Maßstäbe erreichen kann…

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Zensus 2011. Eine Volkszählung mit unangenehmen Folgen für Deutschland

Das Wichtigste zuerst: War der Zensus 2011 nötig? Die Antwort ist eindeutig: Ja. Die Fehlerquote der Hochrechnungen, mit denen sich Statistiker seit Jahrzehnten begnügen mussten, offenbart, wie dringend Deutschland eine Volkszählung brauchte. 1,7 Millionen (!!!) Menschen weniger als angenommen leben in Deutschland. 1,7 Millionen von 82 Millionen, das sind 2,1%. Okay, sagt sich jetzt der Laie, dann sind wie eben 2,1% weniger in Deutschland als angenommen. Wo liegt das Problem? Hat nicht jeder einzelne letztlich dadurch 2,1% mehr Platz, denn jetzt brauchen wir die Gesamtfläche nicht mehr mit rund 81,8 Millionen Mitmenschen teilen sondern nur noch mit etwa 80,2? Fühlt man sich da nicht gleich viel freier, nicht mehr so beengt und kann endlich wieder durchatmen? Bedeutet das letzten Endes nicht auch, dass sich in jeder Fußgängerzone 2,1% weniger Menschen bewegen als angenommen? Ist man da nicht gleich viel individueller? Wäre es nicht noch schöner, wenn wir nur 79 Millionen wären, eine Zahl, die sich viel kleiner anhört als 80, denn 80 ist schon fast 100. Oh Gott, fast 100 Millionen Menschen leben in Deutschland. Wie gut, dass die Zahl sinkt! Und ist die Gewissheit über die genaue Anzahl von in Deutschland lebenden Menschen (Es sind laut Tagesschau genau 80.219.695 Menschen) nicht ebenfalls ein Befreiungsschlag gegen die Ungewissheit, gegen Unwissen allgemein und damit gegen Ignoranz und Dummheit? Der Zensus 2011 als aufklärerische Mission, das wäre doch eine Argumentationslinie, die sich die Politiker zunutze hätten machen können, oder?

Stattdessen kam es jedoch ganz anders. Es gab Proteste gegen die Erhebung, da sie nicht nur die Zahl der Einwohner sondern gleichzeitig Informationen über Themen wie etwa der religiösen Zugehörigkeit ermitteln sollte. Das hat Datenschützer/innen und Bürgerinitiativen auf den Plan gerufen, die jedoch aufgrund mangelnden Interesses in der Öffentlichkeit keine Chance hatten, den Zensus zu verhindern. Es handelte sich daher eigentlich auch um mehr als nur eine Volkszählung. Eher könnte man das ganze als möglichst umfangreiche Datenerhebung bezeichnen, wobei dieser Ausdruck reichlich neutral gewählt ist. Diese Neutralität kann jedoch nicht gewährt werden, denn jedes Vorhaben dieser Art ist gleichzeitig auch immer hoch politisch. Was genau daran politisch sein soll, an einem rein statistischen Unterfangen? Schon die Prämisse, dass eine möglichst vollständige und umfangreiche Erfassung persönlicher Daten durch den Staat erlaubt sein soll, ist ein politisches Statement, das sich ganz in die Tradition des allmächtigen Nationalstaates des 19. Und 20. Jahrhunderts einfügt. Dem zufolge sei es den staatlichen Behörden unter dem Vorwand, die Daten doch nur zu erheben, damit der Staat bestmöglich für seine Einwohner sorgen könne, gestattet, bis tief in die Privatsphäre vorzudringen. So böte die Ermittlung der genauen Zahl von Religionszugehörigen für die Glaubensgemeinschaften eine wichtige Grundlage bei Entscheidungen über Schließungen oder Neueröffnungen von seelsorgerischen Einrichtungen. Der Zensus soll uns also nur Gutes bringen und unseren Bedürfnissen Rechnung tragen.

Schöne neue Welt, sag ich da nur, denn faktisch haben wir eigentlich nichts Positives zu erwarten. Es war auch vor dem Zensus 2011 keine Geheimnis, dass Deutschland ein Land mit einer sinkenden Einwohnerzahl ist. Jetzt stellt sich heraus, dass die absolute Zuwanderung (es befinden sich wesentlich weniger Zuwanderer in Deutschland als bisher angenommen) den Bevölkerungsrückgang nicht stark genug auffangen konnte. In der Realität heißt das, dass in vielen Orten weniger Menschen wohnen, als erhofft wurde. Die ersten Leidtragenden sind die nun nicht mehr Großstädte Siegen, Hildesheim, Salzgitter und Cottbus. Sie sind unter die magische Grenze von 100.000 Einwohnern gerutscht, was nichts anderes bedeutet als den Verlust enormer Zahlungen vom Bund. Hier enthüllt sich die Anpassung der Infrastruktur an die Bedürfnisse der Menschen als Abbau ebendieser, denn es muss ja auch dem Bürger einleuchten, dass 100.001 Menschen mehr Freizeitmöglichkeiten brauchen als etwa 99.999. Darüber hinaus wird die Adjustierung in anderen Bereichen bald folgen, so dass am Ende die mittelgroßen und Kleinstädte (wie so oft in der neueren Geschichte) die Leidtragenden sein werden, wohingegen die Ballungszentren, in denen sich das gesamte deutsche Kapital (nicht nur das monetäre) ohnehin bereits bündelt, weiter begünstigt werden. Da bin ich mal gespannt, wie die Politiker und Politikerinnen diese Ungleichentwicklung abfedern oder gar auffangen wollen.

Doch da stellt sich mir gleich die nächste Frage: Warum sollten sie dies beabsichtigen? Warum sollten sie sich für einen kleinen Teil der Bevölkerung einsetzen, von dem weder finanzielle Schlagkraft noch starke Lobbys zu befürchten sind? Von dieser Warte her, erscheint der Zensus 2011 als Chance, um den Bürgerinnen und Bürgern der Bundesrepublik zu zeigen, dass Politik mehr ist als die Meinung der Mehrheit. Sie kann ein Integrationsinstrument darstellen, um auch die Menschen wieder ins Boot zu holen, die beim Abschöpfen des leckgeschlagenen Kahns aus Panik gleich mit über Bord geworfen wurden. Die Zeit des blinden Aktionismus und der kurzsichtigen Tagespolitik muss vorüber sein, um allen in Deutschland Lebenden eine Zukunftsperspektive zu geben. Dies würde letztlich auch dem Land selber zugute kommen, da die Ausschöpfung individueller Potentiale die volkswirtschaftliche Leistung bis zu ihrem Maximum steigern kann. Ich für meinen Teil hoffe auf das Beste und werde geduldig die nächste Volkszählung 2021 abwarten. Mal sehen, was sich bis dahin tut…

Das offizielle Logo des Zensus‘ 2011 (Quelle: blog.sophia24.com)

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Leben in der Ukraine – von teuren Lebensmitteln über den ÖPNV bis hin zu kaltem Wasser

Die dritte Woche ist vorbei. Es wird also Zeit für meinen wochenendlichen Bericht (den ersten gibt es hier und den von der zweiten Woche hier). Den möchte dieses Mal dazu nutzen, um ein erstes Resümee zu ziehen und zu beschreiben, wie es ganz allgemein ist, in der Ukraine zu leben. Dazu muss natürlich ganz zu Anfang gesagt werden, dass meine Aussage hier nicht repräsentativ ist und auch gar nicht sein kann. Dafür gibt es zahlreiche Gründe, die sich einerseits aus dem Land selbst ergeben (genannt seien unter anderem die großen Unterschiede im Lebensstandard zwischen Zentrum und Peripherie, die verschiedenen Mentalitäten von Ost und West, Nord und Süd, Steppe und Bergland aber auch die teilweise gegensätzlichen landschaftlichen Gegebenheiten, die verschiedene wirtschaftliche Nutzungen hervorbringen), aber auch der Fakt, dass meine Wahrnehmung aus meiner individuellen Perspektive heraus erfolgt. So fällt es mir leichter, mich im eher mitteleuropäisch geprägten Raum im Westen der Ukraine heimisch zu fühlen als im Osten und Süden, der bereits auf den ersten Blick andere als die im Westen dominierenden kulturellen Einflüsse darstellt. Daher soll das Leben in der Ukraine, das ich beschreiben werde, nicht als der Wahrheit letzter Schluss verstanden werden, sondern dem Leser und der Leserin eine Facette der Mannigfaltigkeit der Lebenssituationen in der Ukraine verdeutlichen. Aber nun genug der Vorrede, die ich insbesondere auch deswegen einschieben musste, weil mir die Ukraine ein lieb gewordenes Land ist und ich durch meine Erfahrungen und Begegnungen weiß, wie verschieden die Lebenswege der Menschen, die sich in ihm tummeln, verlaufen können.

Ich muss gleich zu Anfang einräumen, dass ich bei meinem diesmaligen Aufenthalt eine Art Kulturschock erlitten habe. Das war vorher nie der Fall gewesen oder zumindest nicht in der Stärke, wie er dieses Mal auftrat. Der Grund dafür ist mir durchaus bewusst: Es kam alles zusammen. Daher möchte gleich hier die täglichen Probleme des Lebens in der Ukraine auflisten, mit denen ich zurzeit kämpfe:

  1. Wir haben eine möblierte Wohnung gemietet. Das Problem: Die Möbel sind abgeranzt bis zum geht nicht mehr. Die Türen fallen aus den Schränken, wenn man versucht sie aufzumachen. Außerdem sind sie komplett zugestellt mit Ramsch des Besitzers, der nicht nur Unmengen von Kitsch darin lagert, sondern auch private Unterlagen, Fotos und dergleichen dort aufbewahrt. Letztlich überwiegt dadurch das Gefühl, hier nicht zu Hause zu sein. Ganz abgesehen davon gibt es kaum Stauraum, der für die eigenen Sachen zur Verfügung steht.
  2. Weiter ist die gesamte Wohnung ist einem Zustand der absoluten Verstaubtheit. Alles ist dreckig, staubig, verklebt oder einfach nur ekelig. Das Besteck mussten wir erst einmal abkochen, bevor wir es zum Essen verwenden konnten. Auf weitere Details bezüglich Toilette, Badewanne, Matratzen, Teppiche etc. will ich nicht weiter eingehen. Aber euphemistisch lässt es sich am besten vielleicht so formulieren, dass alle Einrichtungsgegenstände zusammen passen und sich in ihrem Erscheinungsbild einander angeglichen haben.
  3. Die Waschmaschine funktioniert nicht. Dieser Punkt dürfte für sich selber sprechen.
  4. Der Vermieter besitzt keinerlei Verantwortung sich zügig um Reparaturen zu kümmern. Am ersten Tag ging es noch, als wir festgestellt haben, dass der Duschschlauch defekt war. Es dauerte nur zwei Tage, bis er einen Bekannten vorbei schickte, der sich darum kümmerte. Aber anstatt gleich einen neuen Schlauch mit zu bringen, kam dieser erste einmal vorbei, schaute sich das Ausmaß der Arbeit an und kam am nächten Tag nach 18 Uhr (letztlich gegen 21 Uhr) wieder und behob das Problem. Schade nur, dass wir von da an unter dem nächsten Problem litten:
  5. Kein heißes Wasser! Zurzeit ist die gesamte kommunale Warmwasserversorgung aufgrund von „vorsorglichen Wartungsarbeiten“ abgestellt. Diese dauern etwa einen Monat. Danach wird sie dann wieder irgendwann freigegeben. Bis dahin heißt es weiterhin Wasser im Kochtopf auf dem Gasherd erhitzen. Das ist äußerst zeitaufwendig und das Abduschen nicht wirklich entspannend…
  6. Unzuverlässigkeit des öffentlichen Nahverkehrs. Es gibt in der Ukraine eher in Ausnahmefällen richtige Fahrpläne. Wo die Züge meistens pünktlich sind (das liegt daran, dass die Fahrtzeiten sehr großzügig kalkuliert sind! Bei der Deutsche Bahn ist eher das Gegenteil der Fall: Durch die Berechnung der Fahrtzeiten unter optimalen Bedingungen, die letztlich nur selten eintreten, leiden die Züge oft unter Verspätung.), versagen Stadt- und Minibusse auf ganzer Strecke. Tagsüber mag das noch tolerierbar sein, da meistens mehrere Busse in dieselbe Richtung fahren. Diese folgen einander quasi im Minutentakt, so dass, wenn ein Bus mal nicht auftaucht, einfach der andere genommen werden kann. Abends sieht es jedoch anders aus. Meine Erfahrungen vom letzten Wochenende sprechen da Bände.
  7. Hohe Nahrungsmittelpreise. Es mag paradox klingen. Dennoch ist es wahr: Obwohl das monatliche Durchschnittseinkommen in der Ukraine bei etwa 200-300€ pro Person liegt, sind fast alle Nahrungsmittel teurer als in Deutschland. Darunter reihen sich nur wenige Ausnahmen wie etwa für Eier-, Fleisch- und Weizenprodukte. Aber insbesondere wenn man keine minderwertigen Waren (in der billigsten Wurstsorte soll z. B. Sägespäne mit verarbeitet werden) einkaufen möchte, wird es oft teurer als in deutschen Supermärkten. Das verursacht natürlich Mehrausgaben in beträchtlicher Höhe, wenn man das monatlich für zwei Personen zusammenrechnet. Zwangsläufig muss daher oft auf entweder billige Nahrungsmittel zurückgegriffen werden oder einfach an der Diversität und damit an der Ausgewogenheit der Ernährung eingespart werden. Beides sind bedenklich Schritte.
  8. Als Ausländer in der Ukraine sieht man sich oft der Diskriminierung konfrontiert. Das ist zumindest der Fall, wenn man etwas von Privatpersonen kaufen möchte. Sobald diese wahrnehmen, dass man Ausländer ist, oder sogar spitzkriegen, dass man aus Deutschland kommt, sieht man förmlich die Dollarzeichen in den Augen aufblitzen. Man kann fast sicher sein, dass sie alles versuchen werden, um einen über den Tisch zu ziehen. Dieses Vorurteil macht sich auch bemerkbar, wenn man mit jungen Leuten ausgehen will. Automatisch wird angenommen, dass man relativ viel Geld besitzt und sich daher gehobene Gastronomie ohne Weiteres leisten könne.
  9. Dieses Problem äußert sich ebenfalls im Umgang mit der ukrainischen Polizei. In Charkow hatte ich da mehrere unangenehme Begegnungen mit einigen Polizisten, die jedesmal schwer enttäuscht waren, als sie erkannten, dass ich nur einen sehr geringen Bargeldbetrag mit mir herumtrug. Der große Fang war ihnen mit mir nie ins Netz gegangen. Dieses Mal sind mir bisher Begegnungen solcher Art erspart geblieben.

Das Leben in der Ukraine ist derzeit also nicht leicht. Es gibt Probleme, wie man sie als Ausländer überall antreffen kann. Darunter mögen einige zu finden sein, die sehr speziell für dieses osteuropäische Land sind. Daher sollte man sich, besonders wenn man mit dem Gedanken spielt, für längere Zeit in ein solches Land zu gehen, ganz genau Gedanken darüber machen, ob all dies auf Dauer erträglich ist. Damit kämpfe ich nämlich augenblicklich. Das mag aber auch daran liegen, dass durch eine 40-Stunden-Woche mein Leben einfach weniger entspannt ist, als es sonst immer war, wenn ich mich in der Ukraine aufhielt…

Wie dem auch sei. Ich hoffe, kein zu negatives Bild der Ukraine gezeichnet zu haben. In den kommenden Beiträgen werde ich aber dennoch wohl nicht daran vorbei kommen, eine Auflistung der positiven Aspekte des Landes zu erstellen. Darauf freue ich mich eigentlich ganz besonders, da dieses Land ein Land der Möglichkeiten, der Erfahrungen und der Gastfreundschaft ist. Mehr dazu jedoch später…

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Lviv – ein Tag voller Spiel und Spaß. Vom Kindergetümmel in die Erholsamheit der städtischen Parks

Lviv und das Kindergetümmel

Ende letzter Woche habe ich mich noch beklagt, dass ich doch von der schönen ehemaligen Hauptstadt Galiziens noch nichts gesehen hätte, da ich einer von den vielen „Commutern“ geworden wäre. An die Arbeitswoche schloss sich das Wochenende an, das angereichert mit Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen wahrlich zum Flanieren und Stadtbegutachten einlud. So musste Lviv denn auch herhalten, um meine Gelüste zu befriedigen, die sich während der ersten Tage hier aufgestaut hatten. Aber die Großstadt, die jährlich abertausende von Touristen begeistern kann, würde sicherlich auch mit einem einzigen Individuum  wie mir fertig werden…

Und in der Tat war es zunächst nicht die Stadt, die mir zu willen wurde sondern ich der Stadt, die mit einer ihrer unzähligen Events aufwartete. Es fand nämlich eine Art Games Convention für Brett- und Kartenspiele statt, zu der ich nach langer aber letztlich unbarmherziger Überzeugungarbeit, der ich schließlich nachgeben musste, mitgeschleppt wurde. Lviv als Austragungsort einer „Old School Games Convention“ – und ich mittendrin. Dass es einmal soweit kommen würde, hätte ich mir wahrlich nicht vorstellen können. Umso überraschter wäre ich gewesen, wenn man mir gesagt hätte, dass es dort vor Grundschulkindern nur so wimmelte, die einen solchen Krach produzierten, dass man kaum den eigenen Gedanken fassen könnte. Aber genau so trug es sich zu. Ich ging zu diesem Treffen und versank quasi in dem Meer aus prä-pubertären Knaben und Mädchen, von denen einige freilich in guter ukrainischer Manier ihr Trachtenhemd trugen. Darunter mischten sich hier und da auch Erwachsene, die entweder die Kleinen begleiteten oder zu den Organisatoren gehörten, sowie ein kleine aber doch auffallende Zahl von pubertierenden Jungen. Es schien sich bei ihnen um Vertreter der Gattung „Nerd“ zu handeln, die ihre Freizeit durchweg mit Fantasyspielen und anderen Versuchen, der Wirklichkeit zu entfliehen, verbringen. Wie dem auch sei, jedenfalls fand ich mich inmitten dieser Ansammlung von durchweg lauten Menschen, die es mir unmöglich machten, mich intensiv mit dem Studium eines neuen Spieles vertraut zu machen. Ganz nebenbei: Ich kann mich durchaus mit Brettspielen anfreunden. Ich bin aber absolut kein Fan davon, ständig neue auszuprobieren, da die ersten Runden einfach richtig zäh sind. Ganz zu schweigen davon, dass man sich zunächst reinlesen muss, das Spielen also dem Charakter einer Lektüreübung gleich kommt. Von Zeit zu Zeit ist das okay, aber bei jedem Zusammenkommen mit den Freunden? Das ist zu viel. Unabhängig von der Häufigkeit, war ich dort ebenfalls nicht wirklich gewillt, mich mit derartigen Beschäftigungen auseinander zu setzen. Die Atmosphäre war einfach zu unruhig, nicht zu sagen: nervend! Wir sind denn auch schnell wieder nach einer Stunde gegangen, um uns den Rest von Lviv außerhalb des ehemaligen Palastes der Kultur, wo das Treffen stattfand, anzusehen.

Die Parks in Lviv – eine Sehenswürdigkeit!

Und was es da nicht alles gab. Aber bevor wir uns von all den schönen und sehenswerten Seiten der Stadt ablenken ließen, schlugen wir sofort den Weg Richtung ehemaliger Zitadelle ein. Wir waren schon einmal dort gewesen und haben das Areal einer gründlichen Inspektion unterzogen. Dabei war uns auch nicht entgangen, dass es etwa in der Mitte des gesamten Geländes einen kleinen Gedenkort gab, der den Getöteten in dem dort während des Zweiten Weltkrieges eingerichteten Arbeitslagers gewidmet war. Merkwürdigerweise war von dieser Erinnerungsplakette, denn mehr als eine Plakette – vielleicht noch eine Gedächtnistafel – war es wirklich nicht gewesen, nicht mehr zu sehen. Offen gestanden fehlte uns dieses Mal die Muße, uns durch den gesamten mit Wald besetzten Teil des Festungshügels durch zu kämpfen, um diesen Ort wieder zu finden. Dennoch waren wir überzeugt, uns nach kurzer Zeit genau an jenem Punkt befunden zu haben, wo wir ein Jahr zuvor überrascht gelesen hatten, dass es dort ein Arbeitslager der Nazis gegeben hatte. Und die Tafel war weg.

Aber mehr als den Status einer Kuriosität wollten wir dieser Entdeckung nicht zugestehen. Stattdessen trieb es uns weiter, über den Hügel hinweg zum städtischen Park, wo wir etwas lustzuwandeln beabsichtigten. Dieses Bedürfnis konnte die erste der beiden Anlagen eher nicht befriedigen. Der Khmelnitski-Park (überhaupt ist in Lviv fast alles nach ihm benannt. Nicht aus Zufall wohne ich in der Khmelnistki-Straße.) ähnelt mehr einem Vergnügungspark. An jeder Ecke wird etwas angeboten, um der Langeweile keine Chance zu geben. Kurzweiligkeit schien die Maxime bei der Konzeption dieses Areals gewesen zu sein. Bühnen, Go-Cart-Bahnen, Schausteller und natürlich Kioske und andere Einrichtungen, die zum Kauf von Erfrischungsgetränken aller Art und Köstlichkeiten für jeden Geschmack einladen, finden sich an jedem Laufmeter.

Umso erfreulicher war für mich der Übergang in einen älteren Teil, der sich direkt an den Khmelnistki-Park anschloss: der Stryiskyi-Park. Dieser wurde zu Zeiten der österreichischen Herrschaft über Galizien errichtet. Seine Gestaltung kommt dem, was ich gewohnt bin und erwartet habe, daher auch wesentlich näher als sein nördlicher Nachbar, der mir eher die Ruhe geraubt hatte, als sie mir nach dem Lärm des Vormittags wieder zu verleihen. Nicht nur seine größere Fläche ermöglicht die Flucht vor dem ihn umgebenden Großstadtgetöse. Auch seine landschaftliche Gestaltung mit Hügeln und Tälern, um nicht zu sagen: Schluchten, verhindert das Vordringen von unerwünschten Geräuschen. Diese Ruhe lockt natürlich auch Pärchen an, die sich ungestört sich selbst widmen wollen, oder einfach Familien, die eine Auszeit von dem Großstadtspiel brauchen. So oder so, ich genoss die natürliche Atmosphäre mit seinem Vogelgezwitscher, den tobenden Kindern, dem Lichtspiel der durch das Blattwerk schimmernden Sonnenstrahlen und dem Schattenspiel der verschiedenen Grünarten der Bäume, Sträucher, Gräser und anderer Pflanzen, die sich dicht aneinander drängten und mir die Kulisse für einen gelungenen Samstag boten. Die Künstlichkeit des Ausgangs aus dem Park tat dem kein Abbruch, eher ergänzte sie die Natürlichkeit des Rests, da sich sein angelegter Teich und das etwas abseits stehende Monument für einen polnischen Freiheitskämpfer harmonisch in den Rahmen einfügten. Ein Tor entließ uns dann wieder in die Stadt, wobei der Straßenzug, der uns zunächst aufnahm, di Funktion einer Schleuse wahrnahm. Es war nicht das Lviv, das wir aus dem geschäftigen Zentrum und seinen Trabantenvierteln kannten sondern ein Lviv der Gemütlichkeit mit Jugenstilbauten, Vorgärten und ohne Verkehr. Dies tat der Seele, die befürchtet hatte, sofort wieder in das Gewühl, den Stress und den Lautstärkepegel der Großstadt entlassen zu werden, wahrlich gut. Nur langsam, Schritt für Schritt wurde die Ruhe wieder aufgelöst. Jeden Straßenzug ein bisschen mehr, jede Kreuzung etwas geschäftiger, jeder Platz ein paar mehr Menschen bis wir uns dann schließlich zurück im Zentrum befanden, wo sich alles abspielte, wie wir es gewohnt waren.

Warten auf Godot

Wir trennten uns. Wo die anderen es vorzogen, sich dem Städtischen anzuschließen, gebot es mir der Nachklang der Ruhe mich auf den Heimweg zu begeben. Ich schlug daher die Richtung zur Bushaltestelle ein, von wo normalerweise alle fünf bis zehn Minuten ein Linienbus in die von mir benötigte Richtung fuhr. Aber natürlich nicht an diesem Tag. Ich verbrachte geschlagene 90 Minuten dort ohne auch nur den Hauch einer Chance zu erkennen, dass mein Bus noch kommen würde. Im Gegenteil: die Zahl der Wartenden halbierte sich geschätzt jede halbe Stunde. Mir kam es vor, als wenn ich der einzige wäre, der nicht verstanden hat, dass der Bus nicht mehr kommen würde. Aber nach dreimaliger Halbierung begriff auch ich, dass es Zeit war, mein Schicksal selbst in die Hände, oder zutreffenden: in die Füße, zu nehmen. Ich entschloss mich dazu, den Heimweg zu Fuß zurückzulegen. Das einzige Problem war dabei, dass ich weder eine Karte bei mir hatte (mein Smartphone half mir wenig, da es keine Verbindung aufbauen konnte) noch wirklich die Strecke kannte, die es zu bewältigen gab. Bis dahin hatte ich es immer vorgezogen während der halbstündigen Busfahrt etwas zu lesen anstatt gelegentlich aus dem Fenster zu schauen. Das rächte sich nun, da ich, auch wenn ich mich auf dem richtigen Weg befand, dem keinen Wiedererkennungswert abringen konnte. Glücklicherweise gibt es jedoch einen Berg, auf dem sich ein Funkturm befindet. Ich wusste genau, welchen Eindruck sein Erscheinungsbild von unserer Wohnung aus gesehen macht und beschloss daher solange in bestimmte Richtungen zu gehen, bis er in Größe, Form und Farbe dem ähnelte, an das ich mich zu erinnern glaubte. Diese Vorgehensweise funktionierte besser als gedacht und so befand ich mich nach eineinhalbstündigem Marsch letztlich wohlbehalten vor unserer Haustür, öffnete sie, schloss sie sofort hinter mir wieder ab und lud nur die schönen Eindrücke des Tages ein, noch etwas mit mir zu trinken. So klang der Abend mit einem Schwatz zwischen uns bei einem gemütlichen Glas Tee langsam aus.

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Center for Urban History of East Central Europe in Lviv – eine Woche Praktikum ist vorbei

Ich gebe es gerne zu, dass ich in den letzten fast zwei Wochen, meinen Blog mal wieder stark vernachlässigt habe. Aber manchmal gibt es einfach Gründe. So auch hier. Der/ die aufmerksame Leser/in wird meinen letzten Eintrag über die orthodoxe Ikonografie als Ouvertüre für mein zu der Zeit noch bevorstehendes Projekt bereits begriffen haben. Daher nun die Auflösung: Ich befinde mich aktuell in Lviv, konkret im Center for Urban History of East Central Europe, wo ich ein Praktikum ableiste. Nun ja, an sich nichts besonderes, aber dennoch möchte ich allen Interessierten einen Einblick geben, wie es nicht nur in der Stadt sondern auch hier im Center aussieht. Vielleicht kann ich auch den einen oder die andere dazu motivieren, selbst einmal ein Praktikum hier anzutreten, denn Bedarf, so viel steht fest, besteht auf jeden Fall.

Center for Urban History of East Central Europe

Im Center halte ich mich den größten Teil meiner Zeit auf, da ich bemüht bin, meinen Achtstundentag voll zu bekommen. Das basiert natürlich mehr als nur auf altruistischen Mentalitäten. In der Tat möchte ich mir mein Praktikum von der Uni anerkennen lassen. Dazu muss ich aber, wie könnte es auch anders sein, ein paar Bedingungen erfüllen. Eine davon ist, dass die wöchentliche Mindestarbeitszeit nicht unter 40 Stunden liegen darf. Dies allein könnte schon fast als Zumutung und als unmöglich zu befriedigen gelten, da in vielen Einrichtungen eine 35-Stunden-Woche üblich ist. Wie dem auch sei. Ich möchte jedenfalls gerne mein Praktikum hier zur Erfüllung meiner studentischen Pflichten, die mir durch die Prüfungsordnung auferlegt worden sind, nutzen und muss mich daher jenen Anforderungen beugen.

Das Center for Urban History of East Central Europe scheint dazu hervorragende Voraussetzungen zu bieten. Die Atmosphäre hier ist angenehm frei und jeder und jede hier scheint im Prinzip tun und lassen zu können, was er/ sie will. Natürlich alles im Rahmen der Möglichkeiten, d.h. solange die wichtige Arbeit getan wird, kann die restliche Zeit genutzt werden, wie sie wollen. Auch mir wurde immer wieder nahegelegt, dass ich mich nicht so auf die Erfüllung der mir gegebenen Aufgaben fixieren soll, sondern mir auch Zeit für meine eigenen Recherchen nehmen müsse. Das macht insbesondere Sinn, da ich derzeit aus Ermangelung an Alternativen meinen Arbeitsplatz im Lesesaal der Bibliothek eingerichtet habe. Zugegeben: sie ist insgesamt nicht groß und der Saal ist weit davon entfernt es mit dem der Congress Library aufnehmen zu können (bestenfalls könnte er dort als Gruppenarbeitsraum dienen). Dennoch bietet sie alles, was man braucht, wenn man sich mit dem speziellen Thema des Urban Space und der Urban History auseinander setzen möchte. Ich erfreute mich denn auch des erstens Durchschauens der Bücherreihen, da unter den mitunter bereits verstaubten Bänden der ein oder andere Autor verschüttet lag, den ich selbst gelesen habe. Mitunter befand sich sogar das gleiche Buch im Bestand, das zuhause meiner Rückkehr harrt. Das war mir ein freundliches Willkommen und vermittelte ein Gefühl der Vertrautheit, mit dem ich mich vom ersten Tag an gut aufhoben fühlte.

Was mache ich nun seit Montag hier in dem Center? Eigentlich nicht viel. Als erste Aufgabe wurde mir angeboten, die seit einiger Zeit beiseite gelegten Bücher, die hauptsächlich auf Deutsch erschienen sind, und deren Anzahl nunmehr zu einer eigenen kleinen Abteilung der Bibliothek anzuschwellen drohte, zu katalogisieren. Das mache ich mit Freuden, kann ich doch so mein eigener Herr sein und gleichzeitig Buch um Buch in Ruhe durchschauen. Es überrascht auch nicht, dass es bereits einige gab, in die ich mich dann auch vertiefen wollte. Manchmal war der Grund dieses Kennenlernens jedoch rein praktischer Natur: Da ich für die Eingabe ins System auch Schlüsselwörter angeben muss, setzt dies voraus, dass ich ungefähr weiß, worum es in dem Werk geht. Bei einigen ist es unkompliziert, um nicht zu sagen: banal. Andere Bücher sind jedoch wie verschlüsselte Botschaften. Auf den ersten Blick scheint es offensichtlich zu sein, worüber die einzelnen Kapitel und/ oder Essays berichten. Die Frage aber, was das Werk zusammenhält, hat schon so manches Mal nicht nur meinen Kopf zum Rauchen gebracht sondern meinen Ehrgeiz angespornt, dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Bisher ist es mir noch immer gelungen, auch wenn es so manches Mal gab, dass ich nicht hundertprozentig zufrieden war mit meiner Kategorisierung. Aber letzten Endes offenbart ein Blick in die online Datenbank des Centers die Pragmatik, mit der andere vor mir bereits rigoros gewütet haben. Ich versuche lediglich, einem Wörtersystem treu zu bleiben und so dem potentiellen Nutzer und der potentiellen Nutzerin eine Hilfe zu sein. Ich hoffe, ich werde Erfolg haben damit.

Die Frage, die mich anfangs sehr gequält hat: warum muss erst ein deutscher Praktikant auftauchen, damit unter anderem wichtige geisteswissenschaftliche Werke des deutschsprachigen Raums in den Bibliotheksbestand aufgenommen werden? Die Antwort scheint offensichtlicher nicht sein zu können, aber irritiert doch etwas. Das Center for Urban History of East Central Europe wird nämlich von einer österreichischen Stiftung finanziert, weshalb es oft auch zu Bücherspenden aus Österreich (insbesondere vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung) kommt. Diese erreichen dann zwar postalisch ihren Bestimmungsort, verbleiben aber zunächst ungenutzt, da niemand hier im Center deutsch beherrscht. Das finde ich ein bisschen paradox. Sollte diese Stiftung wirklich so selbstlos sein und Geld einfach so für eine gute Idee vergeben? Würde es konzeptionell nicht Sinn machen, zur Aufarbeitung auch der österreichischen Geschichte der Stadt Lemberg wenigstens eine/n Forscher/in mit Deutschkenntnissen vor Ort zu beschäftigen? Diese Überlegung scheint keine eminent wichtige Rolle in der Personalpolitik des Centers zu spielen, in die ich mich auch wirklich nicht einmischen will. Aber nachdenken darf man jawohl noch, oder?

Lviv – das Tor zum Osten?

Wie steht es nun um die Stadt selbst? Ehrlich gesagt, habe ich von Lviv bisher nicht wirklich viel mitbekommen. Ich habe eine Wohnung weit außerhalb des historischen Stadtzentrums bekommen. Der Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist zwar unbeschwerlich, da die eine Endhaltestelle direkt von meiner Haustür gelegen ist und sich die andere etwa hundert Meter vor dem Center befindet, aber dadurch entgehen mir eben die Einblicke in das Stadtleben, wie ich sie gerne gewinnen würde.

Es ist das erste Mal, dass ich wirklich in Lviv lebe. Die Male, die ich mich vorher in der Stadt befand, dienten zwar nicht immer in erster Linie touristischen Zwecken, müssen aber letzten Endes so verstanden werden. Ich war Zuschauer, Betrachter, Neugieriger, Tourist. Nun lebe ich hier und bin ein Teil der Masse, die sich morgens aus den „Schlafbezirken“ Richtung Zentrum schiebt, um am Abend wieder zurück zu schwappen. Ich gehöre zu jenen, die ihr Essen zuhause selber kochen, um es auf Arbeit in der Mikrowelle aufzuwärmen anstatt einfach schnell in den nächsten McDonalds zu gehen, wenn der Magen knurrt. Ich bin einer der Menschen, die Tag für Tag dieselben Wege gehen und irgendwann genau wissen, wo sich welcher Stein mit welcher markanten Form am Gehwegrand befindet, aber nicht sagen kann, was hinter der nächsten Parallelstraße aufwartet. Ich bin genau wie alle anderen, die tagaus tagein arbeiten gehen und dem Wochenende entgegenfiebern, um endlich ein paar Stunden Freizeit zu haben, die dann am Ende damit zugebracht werden, ein paar Freunde zu treffen, mal auszuschlafen und von Zeit zu Zeit sich in das Getümmel der Touristen zu werfen, um sich den Genüssen, denen jene erliegen, selbst für ein paar Momente hinzugeben. Sonntagabend bemerkt man dann erschrocken, dass von den Dingen, die eigentlich zu erledigen gewesen wären, nichts vollbracht worden war. Sie werden aufgeschoben bis zum nächsten Wochenende…

Was ist Lviv? Eine Stadt wie jede andere. Hier leben Menschen, die jeden Tag versuchen, das Beste aus ihrem Leben herauszuholen. Wirklich gelingen kann es nur den wenigsten, aber jeder und jede träumt davon, es zu schaffen. Für mich ist die Stadt im Westen der Ukraine ein Transitionspunkt. Die Architektur des Zentrums erinnert mich an vertraute Welten, wie ich sie in Mitteleuropa überall finden kann. Gleichzeitig begegnet mir aus den Augen seiner Bewohner ein fremder Blick, der eine Mischung aus jener Hoffnung, Verzweiflung, Pragmatismus und Apathie zu sein scheint. Das ist natürlich nur meine Wahrnehmung und garantiert nur eine Facette, die mich während dieser ersten Woche jedoch an jeder Ecke zu begrüßen schien. Vielleicht wird es in der nächsten eine andere sein…

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